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Sturm auf die Demokratie

Auch nach dem Sturm auf das Kapitol zeigt sich mal wieder: Das einzige, was bei Trump berechenbar ist, ist sein Wahn, ist seine absolute Unfähigkeit, die Welt zu erkennen. Von Verstehen brauchen wir gar nicht erst zu reden. Die Saat, die er über fünf Jahre (ich zähle den Wahlkampf mit) gesät hat, ging jetzt endgültig auf, wie befürchtet.

Ich bin nun wirklich nicht anfällig für Verschwörungsmystik, aber was da geschehen ist, macht einen doch stutzig, und das nicht nur in Europa, sondern auch viele Beobachter in den USA. Trumps Hetze kannte jeder. Die Aufforderung an seine Anhänger, sich die mit einem „Erdrutschsieg“ gewonnene Wahl zurückzuholen, war bekannt. Wie fanatisch Trumps treueste Anhänger sind, war bekannt. Dass sie gewaltbereit sind, auch. Wieso gab es dann keine Vorsichtsmaßnahmen? Da kann man sich schon die Frage stellen, ob es da einige Trumpanhänger bei den Sicherheitsbehörden gab, die das gar nicht wollten.

Die Polizei in Amerika ist keine normale demokratische Polizeibehörde. Amerikanische Polizeikräfte sind paramilitärisch ausgerüstet und gedrillt und ideologisch geschult. Sie sind rassistisch und rechtsradikal durchsetzt und zwar bis in die Führungspositionen. Das alles ist vielfach belegt und dokumentiert. Um Trump zu ermöglichen, vor einer Kirche eine Bibel verkehrt herum in die Luft zu halten, waren sie in der Lage, einen ganzen Straßenzug frei zu prügeln, aber das Kapitol zu schützen sollen sie nicht in der Lage gewesen sein? Auch in Washington fragt man sich, warum es so lange gedauert hatte, bis zusätzliche Kräfte anrückten. Sollte es da Leute gegeben haben, denen diese Eskalation ganz recht war? Immerhin, der Boss der kongresseigenen Polizeieinheit musste mittlerweile zurücktreten.

Das ganze Ausmaß der Verblendung (zumindest eines Teils) der Republikaner erkennt man auch daran, dass 147 Abgeordnete meinten, selbst nach diesen Vorfällen die Blockadehaltung aufrechterhalten und den Wahlsieg Bidens im Kongress durch die sinnlose Weigerung, die Wahlergebnisse anzuerkennen, hinauszögern zu müssen. Schlimmer noch sagen sie damit auch, genau wie Trump selbst, dass die Proteste all der Verschwörungsmystiker, QAnon-Fanatiker und Proud-Boys-Randalierer berechtigt sind. Irrationalität, Demokratiefeindlichkeit und Gewaltbereitschaft erfahren auf diese Weise auch noch von höchster politischer Ebene ihre Rechtfertigung.

Dass das amerikanische politische System mehr als fragwürdig ist, ist ja hinlänglich bekannt. Wie verrottet die Sitten mittlerweile sind, muss dennoch erschrecken. Allerdings wäre es auch zu kurz gegriffen, allein Trump dafür verantwortlich zu machen. Die Vereinigten Staaten waren niemals wirklich vereinigt, die Gesellschaft war immer in allen Bereichen, sozial, politisch, ökonomisch und kulturell stärker gespalten als europäische Demokratien. Aber dass man in Washington ebenso wie in den 50 Bundesstaaten keine politischen Gegner mehr kennt, sondern nur noch Feinde, die man, komme was wolle, bis auf Messer bekämpfen muss – diese radikale Dichotomie begann, als 1995 Newt Gingrich Sprecher des Repräsentantenhauses wurde und jede politische Entscheidung zu einem Kampf zwischen Gut (amerikanisch, Republikanisch) und Böse (alles andere) machte, wurde von der Tea Party Bewegung fortgeführt und von Trump auf die erbärmliche Spitze getrieben.

Nun redet alle Welt davon, dass Biden dieses Volk wieder vereinen, wieder versöhnen müsse, um die Demokratie in Amerika zu retten. Manche bezeichnen das als Sisyphosaufgabe und beschreiben, wie schwierig das sein wird. Im Moment jedoch scheint dies im eigentlichen Sinne des Bildes eher als unmöglich, verhärtet wie die Fronten sind. Diese Aufgabe ist nicht in vier, nicht in acht Jahren zu schaffen.

Nein, auf Amerika kommen jetzt erst einmal unruhige und beunruhigende Zeiten zu. Biden (und nach ihm vielleicht Kamala Harris) braucht nicht nur viel Kraft und Geschick, er braucht auch eine Menge Glück. Und ein Volk, dessen Mehrheit klüger ist als die der politischen Elite, ein Volk, das in den nächsten Wahlen massenhaft Menschen abwählt, die für Hass, Hetze und Missachtung von Anstand und Rechtsstaat stehen.

Und vor allem wollen wir hoffen, dass Biden und Harris besser geschützt werden.

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Eine Antwort auf „Sturm auf die Demokratie“

Nun ja, da das Einen schon nicht in Deutschland möglich ist, warum sollte es dann in so einem riesigen Land, in dem es statt einer Ost/West Problematik mindestens eine Nord/Süd Spannung gibt. Ich weiß auch gar nicht, ob das heutzutage noch Sinn macht, ein Volk einen zu wollen, wenn Lug und Betrug nahezu grenzenlos und ohne Konsequenzen sich alle Gesellschaftsformen und – strukturen zieht. Legt man gar einen biblischen Maßstab (Offenbarung) an diese Welt, dann dürfte das alles noch dramatischer werden. Wobei wir im Westen vielleicht noch eher geneigt sind, die Waage länger auszugleichen, während die aktuellen Nachrichten aus Nordkorea und dem Iran eher dazu geeignet sind, die Sorgen zu vergrößern. Mein Fazit daraus ist in dem Bestreben junger Menschen zu sehen, deren Lebenswunsch das Jetzt bevorzugt, statt das Morgen. Übrigens ja durchaus eine Lebensform, die uns nicht so fremd ist, auch wenn unser Ansatz positiver war.

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