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Superweeds – Die ignorierte Gefahr

SUPERWEEDS – DIE IGNORIERTE GEFAHR

Wolfgang Mebs, 10.1.2020

Regelmäßig hören wir von neuen Prozessen des Bayer-Konzerns in den USA im Zusammenhang mit der Übernahme von Monsanto und von Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe. Regelmäßig hören wir dann auch etwas über das vermeintliche oder tatsächliche Krebsrisiko im Zusammenhang mit Glyphosat, der Allzweckwaffe im Kampf gegen Unkräuter.

Was einen jedoch sehr verwundern muss: die größte Gefahr, die definitiv von Glyphosat ausgeht, wird in Deutschland bisher nicht wahrgenommen, taucht in keinem der aktuellen Artikel auf. Stattdessen finden sich reihenweise apologetische und in diesem Punkt erschreckend uninformierte Artikel1. Wie kann das sein? Wenn die Rede auf Glyphosat kommt, hört und liest man viel über die krebserzeugende Wirkung. Schlimm genug, aber wieso findet man in 99 % der Artikel kein Wort über die längst erwiesene katastrophale und die gesamte Landwirtschaft bedrohende Wirkung dieses Killers: die superweeds? Superunkräuter, die gegen alles, was die Menschheit bisher an Herbiziden entwickelt hat, resistent sind; Pflanzen, die sich epidemisch ausbreiten und jedwede landwirtschaftliche Nutzung der betroffenen Äcker unmöglich machen. Das wäre Grund genug, den Stoff und seine Ausbreitung auf unsere Felder sofort zu stoppen.

 Seit Mitte der 1990er Jahre verkauft Monsanto Round-Up, dessen zentraler Bestandteil Glyphosat ist, und als Gesamtpaket gleich die gegen dieses Herbizid resistenten Nutzpflanzen, vor allem Mais und Soja, aber auch Baumwolle, Alfalfa und verschiedene Rübensorten. Das ermöglichte den Farmern Herbizide auf die Äcker zu sprühen, wann immer sie wollten, selbst wenn die Nutzpflanzen bereits blühten. Auch mussten sie sich nicht um verschiedene Unkräuter kümmern, denn es wuchs ja garantiert nicht anderes mehr als die, übrigens teuer bezahlten, gentechnisch veränderten Monsanto-Pflanzen. Insgesamt, so wurde versprochen, würde dadurch der Gesamteinsatz von Herbiziden gesenkt, und der Erosionsverlust durch häufiges Pflügen verringert, was eines der herkömmlichen Mittel zur Reduzierung der Unkräuter ist.

Und wozu hat das tatsächlich geführt? Was sind die Fakten, die seit Jahren bekannt sind, aber erstaunlicherweise kein mediales Interesse erwecken?

Mittlerweile finden sich auf 50% aller überprüften Farmen in den USA glyphosat-resistente Unkräuter, in den Südstaaten sind über 90% aller Baumwoll- und Sojafelder betroffen – und das Tempo, mit dem sie sich ausbreiten nimmt rasant zu.2

Die größten Probleme bereitet der Palmer Fuchsschwanz, ein Kraut, das mehrere Zentimeter am Tag wächst, bis 3 Meter hoch werden kann und so zäh ist, dass es selbst Landmaschinen beschädigt3. Mittlerweise ist er auch in Deutschland zur Plage geworden, z.B. in Schleswig-Holstein und Ostfriesland, wo immer mehr Ackerfläche ernsthaft bedroht ist.4

Palmer Fuchsschwanz
Palmer Fuchsschwanz, ein kleines Exemplar

Und wie sehen die bisherigen Reaktionen aus? Von Monsanto (und heute von Bayer) kam der so schlichte wie nichtsnutzige Hinweis auf die „sachgerechte Anwendung“. Ist das Skrupellosigkeit oder die reine Dummheit oder selbstverschuldete Ignoranz? Es gibt keine sachgerechte Anwendung, denn jede Anwendung führt dazu, dass lokale Kräuter Resistenzen entwickeln und damit zu nicht beherrschbaren Un-Kräutern mutieren. Die Farmer sprühten also einfach noch eine Ladung Round-Up auf die Felder. Mit wenig Erfolg. Schon 2013 zählte man 24 verschiedene Arten von Unkräutern, die komplett resistent sind gegen Glyphosat. 2017 waren es schon 38, gefunden in 37 Ländern der Erde, auf Äckern, in Weinbergen und Obstplantagen und Gartenanlagen.5

Eine andere Lösung ist die nach der Suche noch wirksamerer Gifte, wie an der University of Arkansas6. Erstens blieb auch das bisher ohne Erfolg, und zweitens ist das nichts anderes, als würde man sein Raucherbein mit dem Umstieg von Zigaretten auf Zigarren bekämpfen. Den schlagenden Beweis lieferte das von Monsanto selbst gewinnträchtig angepriesene Superherbizid Dicamba, das bereits kurz nach seiner Einführung dieselben Folgen zeitigte7.

Und die sind verheerend. Missernten auf der einen, Verwilderung auf der anderen Seite. Die Ernteverluste durch superweeds allein in Iowa wurden bereits 2014 auf 11 Mio. US-Dollar geschätzt.8 Langfristig droht immer mehr Ackerfläche komplett verloren zu gehen. Schon jetzt geben Bauern im Mittleren Westen ihre Farmen auf, weil auf ihren Ländereien kein Getreideanbau mehr möglich ist. Bereits 2013 waren nach Auskunft des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums 30 Mio. Hektar in den USA von vollständig resistenten Unkräutern betroffen.9 Das ist mehr als die gesamte Fläche Deutschlands!

Einige Farmer versuchen im Zeitalter des High-Tech-Landwirtschaft mit anachronistisch anmutenden Methoden der Plage Herr zu werden: sie versuchen das Unkraut auf ihren Äckern per Hand zu beseitigen, was sich bisher als einzig halbwegs effektive Methode erwiesen hat!10 Aber genau da sehen viele Wissenschaftler die einzig langfristig sinnvolle Lösung: zurück zu den Anbaumethoden unserer Vorfahren, zu ökologisch determinierter Landwirtschaft, zurück zu Wechselkultur, Kompost, Einsatz von Bodendeckern und Pflanzen, die durch ihre ‚natürlichen‘ Gifte Unkräuter verdrängen, und weg von riesigen Monokulturen zurück zu kleineren Einheiten.11

Als einziges EU-Land hat Österreich reagiert und den Einsatz von Glyphosat komplett untersagt, wobei abzuwarten bleibt, ob die EU das Verbot nicht noch verbietet, schließlich war ihr die Agro-Industrie und ihre Lobby stets wichtiger als sinnvolle und nachhaltige Landwirtschaftspoltik12.

Wenn die Öffentlichkeit das Problem nicht bald wahrnimmt, wenn Round-Up, Basta und alle glyphosathaltigen Herbizide nicht schnellstens verboten werden, werden Palmer Fuchsschwanz, Kanadisches Berufkraut, Katzenschweif und Weiße Dürrwurz bald in aller Munde sein. Getreide weniger.

Annotationen:

Als ein Beispiel möge der von Herrn Rudzio in der Zeit genügen, der vor lauter Mutmaßungen die gründliche Recherche vernachlässigt: https://www.zeit.de/2017/46/pflanzengift-glyphosat-gesundheit-industrie/Zugriff 8.10.198

https://www.ucsusa.org/sites/default/files/legacy/assets/documents/food and agruculture/rise-of-superweeds.pdf/ Zugriff 12.10.19

  https://www.youtube.com/watch?v=i8eTKqtRE6A/ Zugriff 12.10.19

https://www.youtube.com/watch?v=i8eTKqtRE6A/ Zugriff 12.10.19

   https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/super-unkraut-100.html/ Zugriff 14.10.19

4 https://www.weltagrarbericht.de/aktuelles/nachrichten/news/de/29784.html/ Zugriff 14.10.19

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29024306/15.10.19

6  https://www.youtube.com/watch?v=i8eTKqtRE6A/12.10.19

7 https://eu.desmoinesregister.com/story/opinion/columnists/2017/09/26/iowa-agriculture-superweeds/703847001/12.10.19)

8 https://eu.desmoinesregister.com/story/money/agriculture/2014/06/22/superweeds-choke-farms/11231231/ Zugriff 14.10.19

9  https://www.globalagriculture.org/whats-new/news/en/32402.html   / Zugriff 12.10.19

10 https://www.nytimes.com/2010/05/04/business/energy-  environment/04weed.html/ Zugriff 12.10.19

11 z.B.: https://www.ucsusa.org/sites/default/files/legacy/assets/documents/food_and_agriculture/rise-of-superweeds.pdf/ Zugriff 12.10.19

12 https://www.welt.de/wirtschaft/article196263951/Oesterreich-beschliesst-Totalverbot-von-Unkrautvernichter-Glyphosat.html/ Zugriff 14.12.19

Weitere Quellen:

(https://www.transgen.de/anbau/1429.resistente-superunkraeuter-gentechnik.html)

https://www.reuters.com/article/usa-agriculture-weeds/u-s-midwestern-farmers-fighting-explosion-of-superweeds-idUSL2N0PY1G520140723

https://phys.org/news/2014-01-superweeds-epidemic-spotlight-gmos.html

https://taz.de/Superweeds-und-Monsanto/!5032298/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/landwirtschaft-superunkraeuter-auf-dem-vormarsch.1008.de.html?dram:article_id=298661

https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Ackerbau-Neue-Wege-in-der-Landwirtschaft,ackerbau102.html

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