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Blinde Reflexe

Apropos Schule und Minister (https://www.myview-wolfgangmebs.de/geh-bauer/). Joachim Stamp (auch FDP), in der Landesregierung zuständig für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration hat öffentliche Prügel bezogen für eine vielleicht überflüssige, eigentlich aber ziemlich banale Bemerkung:

„Da haben wir ganz viele, die sich unglaublich engagiert haben und für die Kinder da gewesen sind. Die sind selber kreativ geworden sind und wirklich den Kindern einen guten Unterricht geboten haben. Wir erleben aber auch, wie sich viele wirklich bequem eingerichtet haben und mit zum Teil auch fadenscheinigen Gründen gar nicht mehr unterrichten wollen.“

Als „unsägliches Lehrkräfte-Bashing“ und „populistische Herabsetzung“, als „infam“ und „demotivierend“ und “völlig undifferenziert” bezeichnen das z.B. unisono die Lehrergewerkschaften. Stefan Behlau vom Verband Bildung und Erziehung z.B. macht Stamp “wütend und fassungslos”. Stamp stoße “engagiertes Schulpersonal vor den Kopf”. Ach ja? Indem er es lobt???

Zunächst einmal: natürlich reitet Stamp in gewisser Weise auf dem alten Klischee vom überbezahlten faulen Sack herum, und all diejenigen, die ihre eigene Schulerfahrung immer noch nicht verarbeitet haben (warum auch immer sie nicht wie gewünscht verlaufen ist!), feixen und freuen sich, wenn es denen mal wieder so richtig gegeben wird. So banal, so undifferenziert.

Andererseits aber erwähnt er zwei Seiten. Er lobt und kritisiert. Anscheinend ist gerade das der Punkt, der Herrn Behlau so völlig undifferenziert fassungslos macht. Wird das Lob durch den Nachsatz völlig aufgehoben, abgewertet und unglaubwürdig? Darf man deshalb Stamps Gegenüberstellung ignorieren? Vor allem sollten sich alle beleidigten Lehrer und ihre Interessenvertreter mal aus der Schmollecke begeben, denn ob es ihnen passt oder nicht, was er gesagt hat, ist doch nicht falsch! Gut, es ist etwas daneben in beiden Fällen von „vielen“ zu reden, denn (ich behaupte mal) nicht nur meiner Erfahrung nach ist die zweite Gruppe eindeutig in der Minderheit. Aber es gibt sie. Ja, es gibt unfähige Lehrer. Es gibt faule Lehrer. Es gibt Lehrer, die schwierige Schüler nicht als Herausforderung, sondern als Belästigung empfinden. Es gibt Lehrer, die sich nicht weiterbilden wollen. Es gibt Lehrer, die den Lockdown als willkommenen zusätzlichen Urlaub betrachten.

Ja, und? Will das irgendjemand ernsthaft bestreiten? Es gibt sie, so wie es unempathische, abrechnungsgeile Ärzte gibt, ohne dass damit gesagt wäre, die einzige Motivation für ein Medizinstudium sei ein pralles Bankkonto. So wie es unfähige Elektriker und Maurer und Installateure gibt, ohne dass behauptet würde, es gäbe ausschließlich Pfusch am Bau. In jedem Unternehmen, jeder  Behörde, jeder Institution gibt es unmotivierte, jede Gelegenheit zum Krankfeiern nutzende, und schlicht und einfach von ihrer Aufgabe überforderte Mitarbeiter. C’est la vie! Organisationssoziologen und Betriebspsychologen wissen, dass alles andere nicht nur lebensfremd ist. Ein Arbeitsumfeld, in dem alle 100%-ig motivierte Topkräfte sind, wäre gar nicht auszuhalten. Das würde jeden in den Wahnsinn und den unverzüglichen Burn-out treiben. Für das Gesamtsystem sind die sich heraushaltenden, jeder Anforderung aus dem Weg gehenden, oder mäßig begabten Mitarbeiter auch kein Problem, solange sie eine überschaubare Minderheit bleiben. Dann treiben sie weder ein Unternehmen in den Ruin, noch brechen Kliniken, Kitas und Schulen zusammen.

Der Aufstand, der Stamps banalen Worten folgte, ist auch nicht anders zu bewerten als die Reaktion Seehofers und von Standesvertretern der Polizei auf die Forderung polizeiinterner Untersuchung zu Rassismus und racial profiling. Das gibt es. Wird es immer geben! Und wenn wir das in Grenzen halten wollen, müssen wir hinsehen, darüber diskutieren und Gegenmaßnahmen einleiten.

Reflexartiges In-Schutz-nehmen ist eben auch nur so banal wie undifferenziert.

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