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Allgemein Der tägliche Wahnsinn

Dämmerung

Sieh an, es tut sich was im demokratischen Schlummerland. Schwarze Proteste, die allzu oft niedergeknüppelt werden, mit gelegentlicher Beteiligung versprengter Weißer sind ja nichts Neues. Aber es scheint zumindest im Moment, als würde die Bewegung diesmal breiter und würde auch größere Teile der weißen Bevölkerung erfassen, als hätte „I can’t breathe“ größeres Potential als „I have a dream“ und „Black lives matter“. Slogans gab es genug, strukturelle Veränderungen nur wenig. Dazu müssen einzelnen vollmundigen Worten allerdings auch endlich ernstzunehmende Taten folgen.

Ein starkes Momentum dieser Proteste dürfte aber auch die Wut über den Präsidenten sein. Leider bedurfte es wohl zweier gleichzeitiger Krisensituationen – der Pandemie und eines lässigen Mordes – um Trumps eigentlich lange genug offen zur Schau gestellte Charakterlosigkeit und seine Unfähigkeit ein Land zu regieren allen Amerikanern noch einmal drastisch vor Augen zu führen. Aber endlich trauen sich mehr Politiker und Medien- und Kirchenvertreter als bisher das Problem an der Spitze des Staates offen zu benennen. Da passiert gerade Unerhörtes: Ehemalige Präsidenten, die sich traditionell mit Kritik an ihren Nachfolgern zurückhalten, finden deutliche Worte. Und dann gleich vier auf einmal. Selbst hochrangige (z.T. ehemalige) Militärs wenden sich gegen Trump, und Verteidigungsminister Mark Esper wagt es ihm offen zu widersprechen, was dieser weder ertragen kann, noch in seiner Administration gewöhnt ist (mal sehen, wie lange Esper dieses Amt noch innehat). Selbst einzelnen Republikanern, deren restdemokratische Gesinnung seit drei Jahren tief in Trumps dominierendem Körperteil schlummert, scheint allmählich etwas zu dämmern.

Präsidentendämmerung? An Trumps intellektuellem Dämmerzustand jedenfalls wird sich nie etwas ändern. Gut möglich, dass ihm nicht einmal dämmert, dass er diesmal seine Wiederwahl ernsthaft gefährden könnte. Für Freude und ernsthafte Hoffnungen ist es allerdings noch viel zu früh. Dafür müsste erstens der Druck lange Zeit aufrechterhalten werden, d.h., die Anti-Rassismus und Anti-Trump Bewegung noch breiter werden. Zweitens dürfte sich gleichzeitig die wirtschaftliche Lage, was man gerade den Minderheiten nicht wünschen kann, zumindest nicht verbessern, denn die war bisher sein größter Trumpf. Und drittens müsste in der republikanischen Partei ein grundsätzliches Umdenken stattfinden. Von Trumps Kernwählerschaft braucht man das gar nicht erst zu erwarten. Der Haken dürfte sein, dass es weit und breit in dieser Patronagepartei keinen einzigen Kandidaten gibt, den man der Öffentlichkeit präsentieren könnte – und auch keiner in Sicht ist, der den Mut dazu hätte. Zudem gäbe es formale Hindernisse, da die Vorwahlen praktisch gelaufen sind.

Vielleicht stehen die USA aber ja doch an einem Wendepunkt. Vielleicht beteiligen sich diesmal endlich mehr Leute an den Wahlen. Vielleicht, ja vielleicht schicken sie Trump dahin zurück, wo er hingehört, in die kulturelle Wüstenei seines Towers, von mir aus auch auf seinen Golfplatz. Da kann er höchstens den Rasen ruinieren. Den Amerikanern wäre es zu wünschen. Und seine Anhänger dürfen nach einer Niederlage ja auch gerne emigrieren. Nach Brasilien vielleicht, oder nach Nord-Korea.

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