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Deplatziert

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht hat eine Grundsatzrede gehalten. Also nicht spontan in ein Mikro gesprochen. Sie hat also, so darf man annehmen, vorher darüber nachgedacht. Und da ich frage mich: An welchem Umpolungsprogramm bei der Bundeswehr hat sie wohl teilgenommen? Was ist in sie gefahren? Es muss sich da um einen Flaschengeist aus dem letzten Jahrtausend handeln.

“Deutschlands Größe, seine geografische Lage, seine Wirtschaftskraft, kurz: sein Gewicht, machen uns zu einer Führungsmacht, ob wir es wollen oder nicht. Auch im Militärischen”, hat sie gesagt. Und wie es den Anschein macht, allen Ernstes. Mal abgesehen davon, dass es immer weniger Sozialdemokraten in der SPD gibt, also Menschen, die sich der antimilitaristischen Tradition verbunden fühlen, schauen wir doch Mal genauer hin.

Die geografische Lage. Ja, da hat sie zweifellos recht: Vom Zentrum Europas aus können unsere tapferen und bestens trainierten und ausgerüsteten Soldaten ganz prächtig und raumgreifend in alle Richtungen ausschwärmen. Die 100 Milliarden müssen ja auch irgendwie Sinn machen, sonst rosten die schönen neuen Waffen wie bisher einfach so vor sich hin.

Die Wirtschaftskraft. Stimmt auch. Und zwar trotz der aktuellen Probleme. Und davon ab, wofür sollte man die auch einsetzen? Etwa für höhere Sozialleistungen? Für ein Bildungssystem, das einem Land mit unserer Wirtschaftskraft endlich Mal zu Gesicht stünde? Oder gar Entwicklungshilfe? Halt, für letzteres schon. Denn die leisten wir ja seit einiger Zeit vorzugsweise militärisch.

Gewicht. Auch der Punkt geht an Frau Lambrecht. Zwei Drittel der deutschen Männer und die Hälfte der Frauen sind übergewichtig, ein Viertel gar adipös. Da können manche in Europa nicht mithalten.

Führungsmacht. Es wäre sehr schön, wenn Frau Lambrecht auch dazu gesagt hätte, wohin genau wir denn führen sollen? Und wen? Ob ihr schon einmal aufgefallen ist, dass es eine ganze Menge Menschen in Europa und der Welt gibt, die aus ihr wahrscheinlich völlig obskuren Gründen den Deutschen nicht im Entferntesten bereit sind hinterherzulaufen? Sie könnte ja z.B. die Polen fragen, was sie von einer militärischen Führungsrolle Deutschlands halten. Die würden ihr dann ein wenig Nachhilfeunterricht geben.

Ob wir wollen oder nicht? Nein, Frau Lambrecht, das müssen wir nicht müssen. Wir können auch Gleiche unter Gleichen bleiben. Wirklich, das geht. Ich jedenfalls will nicht, dass die Deutschen führen. Es sei denn als Vorbild für Schutz vor Armut, ein gerechtes Steuersystem oder effektiven Umweltschutz. Und dem dürfen dann andere gerne freiwillig folgen. Und nur zur Erinnerung: Noch wird alles, was die Bundeswehr betrifft, demokratisch entschieden, im Bundestag, von gewählten Volksvertretern, die an das Grundgesetz gebunden sind. Und die dürfen Ihnen zwar hinterherlaufen. Die dürfen aber auch nicht wollen. Oder können sie sich vorstellen, Chefin einer Junta zu werden?

Ja, Deutschland ist ein starkes Land; auch in der jetzigen Krise ist es immer noch resilienter als 90 % der Staaten dieser Erde. Aber gerade „das Militärische“ sollten sich Deutsche  –  auch, aber nicht nur wegen unserer Geschichte  –  von der großmächtigen Backe putzen. Sich in seinem Amt für die Menschen, für die man als Minister verantwortlich ist, einzusetzen, schön und gut. Aber Überidentifikation und so tun, als hätte frau dicke Eier im Hosenanzug, wirkt doch reichlich deplatziert.

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