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Multikulti canceln?

Nun hat es also auch Winnetou erwischt. Er wird gecancelt. Doch die Gegner der kulturellen Aneignung sollten sich zwei Dinge klar machen. Erstens, dass sie einen stark reduzierten Begriff von Kultur haben. Und zweitens, dass sie gefährlich nahe an rechtem Gedankengut argumentieren.

Erstens war und ist Kultur immer auch eine Form von Aneignung gewesen. Eine rein indigene Kultur hat es höchstens in der Zeit der Jäger und Sammler gegeben, in der kleine Clans weitgehend isoliert von anderen Gemeinschaften in einem begrenzten Territorium gelebt haben und überhaupt noch wenige gruppenspezifische Eigenarten entwickelt hatten. Seit Jahrtausenden aber gibt es Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Provenienz. Zum Glück.

Denn so wie das sexuelle Durcheinander den Genpool erweitert und vor Degeneration schützte, so erweiterte die Begegnung mit anderen Gesellschaften den Horizont, ob politisch und philosophisch, wissenschaftlich, künstlerisch oder kulinarisch. Und genau dieser Horizont scheint sich bei einigen Zeitgenossen gewaltig zu verengen. Erschreckenderweise gerade bei Menschen, die sich als links verstehen und sich als „woke“ bezeichnen.

Da frage ich mich doch, wie sie es wagen können, sich ein englisches Wort anzueignen. Ist unsere Vatersprache unseres schönen deutschen Mutterlandes so retardiert, dass sie keine Entsprechung hätte? So wie sich weiland strammstolze deutsche Neonazis ausgerechnet „Skinheads“ nannten, wo doch „Hautkopf“ die gedankliche Kahlheit dieser Leute viel plastischer beschrieben hätte.

Ich hatte schon früher einmal darauf hingewiesen, dass wir nicht nur Pizzen aus unserem Speiseplan streichen müssen, insbesondere die mit edlen Lebensmitteln belegten, handelt es sich hier doch um doppelte Aneignung, eine völkische und eine soziale, schließlich war das mal das Arme-Leute-Essen. Akzeptabel wäre allenfalls das Verspeisen einer von einem Italiener zubereiteten Pizza.

Ein Scherz? War es mal. Kürzlich gab es einen Scheißsturm, weil ein Restaurant behauptete, echte Thaiküche zu servieren – der Koch aber ein Deutscher war. Ein Paradebeispiel für kulturelle Aneignung! Ein Skandal sondergleichen für jeden Aufgewachten! Da denke ich wehmütig an die gute alte Zeit zurück. Vor 30 Jahren gab es in der Kölner Südstadt ein italienisches Restaurant. Der Besitzer war Türke! Der Koch war Inder! Das war multikulti. Aber das sollte sich heute mal einer erlauben.

Und es gibt noch so viel zu tun. Endlich werden Auftritte von weißen Sängerinnen abgesagt, die Rastalocken tragen. Endlich titulieren wir sie korrekt, die dreigewaltigen Oberhäupter indigener Volksgruppen. Endlich zeigt die ARD keine Winnetou-Filme mehr. Wann dürfen Karnevalisten endlich keinen Federschmuck mehr tragen oder brasilianische Kostüme klauen? Schluss mit Halloween in Buxtehude. Wann verbietet man endlich Amerikanern, Oktoberfeste zu feiern? Der geneigte Leser möge es mir glauben: Es war ein Festival zutiefst beleidigender Klischees. Auf einer Aufgewachten-Demo sah ich letztens Palästinensertücher und Baskenmützen. Und die durften mitlaufen? Kamen die extra aus dem Gaza-Streifen und San Sebastian?

Aufklärung tut Not, in der Tat. Ich würde mir auch wünschen, dass Menschen, die in Baggy Jeans herumlaufen, klar wäre, dass hier gezielte Diskriminierung und Erniedrigung zu Mode umfunktioniert wird. Oder mal darüber nachdenken würden, wie dekadent es ist, in einer 150 € Jeans herumzulaufen, die designerschick zerrissen ist und Armut lächerlich macht.

Dass sich ein Comanche beim Betrachten von „Winnetou“ beleidigt fühlt, kann ich gut nachvollziehen, ein Apache erst recht. Man kann und muss diese klischeehafte Verdrehung der Wirklichkeit kritisieren, aber man sollte sie nicht verbieten. Nicht das Verschwinden dient der Aufklärung. Nur die Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart macht uns zu toleranteren und bewussteren Mit-Menschen. Und was die aufgewachten Verteidiger nord-amerikanischer indigener Volksgruppen zu einer realistischen Darstellung mancher Sitten und Gebräuche sagen würden, sei mal dahingestellt. Würde aber unter Umständen dazu beitragen, sich nicht mehr als Comanche zu verkleiden.

Mit anderen Worten, wir sollten schon sehr genau unterscheiden zwischen kulturellem Austausch und Aneignung. Das eine erweitert unseren Horizont und macht unser Leben auf allen Ebenen vielfältiger, offener gegenüber anderen Sichtweisen. Das andere „Ent“-eignet, gibt Gestohlenes als Eigenes aus und suggeriert Identität.

Insofern führt der in seinen Auswüchsen exzessive Kampf gegen „kulturelle Aneignung“ zum Gegenteil dessen, was bisher als multikulturelle Gesellschaft gefördert und gefeiert wurde, nämlich zu einem Nebeneinander statt einem Miteinander.

Und genau da gibt es eine gefährliche Nähe zu rechten Kreisen, in denen argumentiert wird, jedes Volk sollte seine eigenen Sitten und Gebräuche pflegen und ihre Kultur von fremden Einflüssen frei und „rein“ halten. Jeder solle in „seiner“ Kultur leben. Getrennt eben. Die Motivation ist sicherlich eine andere, aber auch wer sich rigide gegen jedwede Übernahme einzelner Elemente anderer Kulturen wehrt, unterminiert letzten Endes jede Vorstellung einer wahrlich multikulturellen Gesellschaft.

Und die kann es nur geben, wenn deutsche Köche Falafeln servieren, männliche Chinesen englische Lyrikerinnen übersetzen, Dänen einen Sombrero tragen und ich mich nicht geißeln muss, weil ich als Zehnjähriger als revolverschwingender Marshall durch die Straßen gelaufen bin. Da ich manchmal zu politischem Trotz neige, könnte ich mir vorstellen, mich nächstes Jahr als Navajo zu verkleiden, und zwar stilecht. Mit Büchern von Leslie Marmon Silko und Dee Brown unter dem Arm.

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2 Antworten auf „Multikulti canceln?“

Uff, du suchst dir ja auch immer die ganz leichten Themen raus.

Also vielleicht mal ganz klein angefangen, Kulturelle Aneignung (Cultural appropriation) verstehe ich so das eine Kultur, Symbole, Mode, Style etc, von einer Minderheit übernimmt und diese aus dem ursprünglichen Kontext entfernt.

Für Außenstehende, die diesen kulturellen Kontext nicht kennen, können also einige Elemente dieser Kultur sehr ähnlich sein, auf die Minderheit aber sehr unterschiedlich wirken.

Um also (frei erfunden) bei deinem Beispiel der Comanche zu bleiben, wenn du einen Federschmuck trägst welcher einfach nur das Leben und die Einheit mit der Natur feiert, haben da vielleicht nur wenige etwas dagegen, wenn du aber mit dem Federschmuck an Karneval rumläufst, welcher nur getragen wird, um dem Tod eines nahen Verwandten zu gedenken, wäre dies sehr unangebracht.

Dreadlocks, welche übrigens auch in der Antike in Griechenland und im Alten Ägypten (neben anderen) kulturell signifikant waren, würde ich hier eher in die erste Kategorie stecken, sich das Gesicht schwarz anzumalen, aber eher in die zweite Kategorie.

Das Thema ist aber fürchterlich komplex und jeder versteht etwas anderes darunter. Der Artikel der Neuen Züricher Zeitung fand ich dazu ganz gut: https://www.nzz.ch/ld.1693341

Auf der einen Seite, sollte man Symbole, Gesten und Kleidung nicht mit einer Art kulturellem Copyright versehen, das nur noch Mitglieder der einen Kultur diese benutzen dürfen, auf der anderen Seite ist es aber auch verständlich das sich Minderheiten wehren. Würde man als nicht-Jude hier in Deutschland zu Karneval sich eine Kippa auf den Kopf pappen, wären einige Leute zu Recht verstimmt.

Was ja auch mit rein spielt ist das Gefühl das einem etwas weg genommen wird, wenn andere Symbole, Kleidung etc. ohne Kontext benutzen. Ich denke am Beispiel von Subkulturen kann man dies ganz gut erklären.

Darfst du einfach mit einem Skateboard rumlaufen ohne Skater zu sein? Oder eine Lederjacke mit Nieten tragen, ohne “Metalhead” zu sein? Noch ja, trotzdem fühlen sich einige Mitglieder dieser Subkultur auf den Fuss getreten wenn du deren Symbole benutzt ohne deren Werte zu vertreten. Als Beispiel kann man gerne mal “fake gamer girl” googlen um sich anzusehen, mit welch harten Bandagen zum Teil gekämpft wird, wenn sich “echte Spieler” dagegen wehren wenn andere Leute sich als Spieler bezeichnen und am schlimmsten wenn es Mädchen sind, die hier einfach in den exklusiven Jungen-Club im Baumhaus einbrechen wollen.

Gerade weil das Thema so komplex ist, habe ich den Artikel ja geschrieben, weil mir Leute auf den Zwirn gehen, die sich spontan und unreflektiert auf das moralische Überlegenheitsross schwingen. Es ist doch bezeichnend, dass FFF erklärt (“Rastagate”), das Publikum (!) vor kultureller Aneignung schützen zu wollen! Nicht die Rastafaris – falls es sie wirklich stört (dass es Bob Marley gestört hätte, dass auch Europäer verfilzte Locken auf dem Kopf hatten, wäre mir neu). Und ist das Publikum tatsächlich so dumm?
Außerdem wird das ziemlich schwierig den kulturellen “Erfinder” ausfindig zu machen, wie du/die Züricher ja auch schrieben. Wie weit soll man zurückgehen?
Ja, es stimmt, Rock’n Roll wurde erst populär, als er von Weißen gekapert wurde und dem produktivsten Künstler, Chuck Berry, wurde fast alles geklaut. Darüber muss man aufklären. Aber John Mayall und Johnny Winter wurden von Afro-Amerikanern (oder welcher Begriff gerade als woke akzeptiert wird) voll akzeptiert, geliebt und sie spielten begeistert mit ihnen, einfach weil sie fantastischen Blues machten. Und ihn weiterentwickelten. Soll es das nicht mehr geben?
Wenn sich das durchsetzt, wenn Verlage Bücher nicht veröffentlichen, weil sie von der ‘falschen’ Person geschrieben wurden, dann enden wir bei etwas, das ich “exkludierende Monokultur” nenne. Dann wird es öde, richtig öde. Nur Schwule dürfen über Schwule schreiben, nur Mörder über Mörder, Männer über Männer, nur Franzosen über Franzosen etc. (Dazu hatte ich ja auch schon Mal etwas geschrieben, als diese unsägliche Diskussion lief über die Übersetzung von “The Hill We Climb”.) Welche Frisuren dürften wir Deutsche denn noch tragen, die urgermanisch sind? Den Topfschnitt? Die Hitlertolle?
Über die paternalistische Grundhaltung gegenüber Schwarzen in “Uncle Tom’s Cabin” und “To Kill a Mockingbird” muss man reden, aufklären, aber nicht diese Bücher verbieten, so wie, (in diesem Fall Schwarze) Eltern, die die Bücher von Lehrplänen streichen lassen wollten. Als könne man aus ihnen nicht etwas lernen über Diskriminierung und Menschlichkeit allgemein, nicht nur von Schwarzen (nein, nein, nicht von People of Colour; da geht um Schwarze und nur um Schwarze; Hispanics müssen andere Bücher lesen; genau genommen Chicanos wieder andere).
Wie schwierig und umstritten das Thema ist, habe ich selbst in den USA erlebt. Die Traditionalists wollen die alten indigenen Traditionen behalten, für sich, und lehnen jede Anpassung an weiße Kultur ab und hassen die Progressives, die Tänze vor Touristen aufführen und Powwows für Non-Natives öffnen (was ich sehr gut verstehen kann, weil es stimmt, dass wahrscheinlich die meisten Touristen das mehr als Kuriosum betrachten; aber andere wollen wirklich etwas lernen). Ob ich damals bei den Havasupai an der Schwitzhüttenzeremonie teilnehmen durfte, wurde lange diskutiert. Ich bin froh, dass man mich als würdig erachtet hatte. Und solche Dinge finden sich in vielfältiger Form heutzutage in Europa wieder und haben unseren Horizont erweitert, unsere Kultur bereichert, genauso wie Buddhismus und Meditation und Ayurveda usw, usw., usw…
Man könnte natürlich auch darauf hinweisen, dass das auch umgekehrt gilt. Ich erwähnte das Oktoberfest. Sollen wir fordern, dass die Japaner Kurozawas Version von “Macbeth” nicht mehr zeigen dürfen? Dass man Wagners Ring in Buenos Aires nicht aufführen darf? Geschweige denn eine Chilenin eine italienische Oper schreiben darf?
Etwas völlig anderes ist es, wenn religiöse Symbole im Spiel sind. Mit einer pinken Kippa durch die Stadt laufen, einfach weil man es lustig findet oder seine Geheimratsecken verstecken will, würden wohl die meisten schwerlich akzeptieren. In einer Theateraufführung aber müsste man es erlauben, wenn es im passenden Kontext geschieht.
Wie gesagt, kulturelle Abschottung führt nicht zu Verständnis, Rigorismus ohne Wissen führt nicht einmal wirklich zu Nebeneinander, sondern zu Verödung. Und worauf ich eben auch aufmerksam machen wollte, war die Nähe zu bestimmten rechten Positionen.
Apropos Winnetou: Es ist doch bezeichnend, dass von all den Leuten, die sich positiv oder negativ über die Entscheidung äußern, die beiden den Film begleitenden Bücher zurückzuziehen, kein einziger (von den Verlagsmitarbeitern abgesehen) weiß, was da eigentlich drinsteht!

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