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Orwell 2.0

Wenn George Orwell das noch erlebt hätte! Die Umkehrung der Bedeutung eines Wortes, die propagandistische Verdrehung der Wahrheit ist ja nichts Neues. Aber jetzt wird seine dystopische Vision des Neusprech in der russischen Autokratie zu geradezu satirisch überhöhter Realität.

„Krieg ist Frieden!” „Freiheit ist Sklaverei!“ „Unwissenheit ist Stärke!“ Das alles ist zur offiziellen Doktrin Putins geworden. Souveränität ist Genozid. Angriffskrieg ist Befreiung. Bomben sind Demilitarisierung. Krankenhäuser sind Terror. Juden sind Nazis. Wer „Krieg“ sagt statt „Sonderoperation“ wandert ins Gefängnis. Ob man ihnen da beibringt, dass zwei plus zwei fünf ist?

Auch bei uns findet eine Umkehrung der Semantik statt. Aufrüstung ist Sicherheit. Drohnen bringen Frieden. Sagenhafte 100 Mrd. wollen urplötzlich sogar Grüne in Rüstungskonzerne investieren. Und wofür? Weil uns neueste Panzer und Flugzeuge und Drohnen besser schützen werden, wenn bei uns die Atompilze blühen? Das versteht die Mehrheit der Deutschen von einem Tag auf den anderen unter rationaler Politik.

Oder nehmen wir den Begriff „Respekt“. Selbst jetzt noch wird es in diversen Medien und Netzwerken mit enervierender Penetranz wiederholt, nämlich dass die Ursache, der wahre Grund hinter diesem Krieg der fehlende Respekt für Putin gewesen sei, dass er zu diesen Mitteln nur greift, weil wir ihn dahin gedrängt hätten, statt ihm als Staatsmann den gehörigen Respekt zu zollen.

Um es deutlich zu sagen: Ich kann es nicht mehr hören. Bedeutet „Respekt“ etwa, einem machtgeilen Despoten und Menschenverächter Anerkennung zu zollen, bedeutet es, einem narzisstischen Despoten Ehre zu erweisen? Nein, nein und noch mal nein. Ich habe und hatte nie den geringsten „Respekt“ vor Putin. Wofür?

Dafür, dass er überall, wo er seine Interessen gefährdet sieht, Diktatoren an der Macht hält von Tschetschenien über Kasachstan und Syrien bis Weißrussland? Dafür, dass von der russischen Luftwaffe nicht erst jetzt, sondern schon in Tschetschenien und in Syrien Krankenhäuser und Flüchtlinge bombardiert wurden? Dafür, dass er die Meinungs- und Pressefreiheit und demokratische Wahlen in Russland abgeschafft hat? Dafür, dass er persönliche Rachefeldzüge durchführt gegen jeden, der ihm nicht gefügig ist? Dafür, dass Dissidenten im Ausland ermordet werden (und da ist es mir, Verzeihung, scheißegal, dass die USA / der CIA so was auch gemacht haben)?

Glauben diese Leute tatsächlich, Putin wäre ein Friedensengel geworden, hätten ihn wir nur mehr gebauchpinselt? Hätte man die baltischen Staaten, Polen, Bulgarien, Rumänien etc. gegen ihren eigenen Willen der angestammten Einflusssphäre des Volksstammes der Rus (Originalton Putin) überlassen sollen? Dann wäre alles anders gewesen? Da ist ja jeder Friede-Freude-Eierkuchen-Pazifist, da ist ja jedes „und die Löwen werden neben den Lämmern liegen“ realistischer.

Putin ist und war ein im Sowjetgeist und vor allem in der isolierten, von Freund-Feind-Denken und Paranoia geprägten Geheimdienstwelt sozialisierter autoritärer Charakter. In einer von ihm autorisierten Biografie erklärt er, was er in seiner Kindheit in Leningrads Straßen fürs Leben gelernt hat: Nur wer zuschlägt, wird geachtet. Das ist, was Putin unter Respekt versteht. Die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts war der Zerfall der Sowjetunion. Ein großes Reich und die Drohung mit der Apokalypse, das ist es, was Putin unter Respekt versteht. Putin will nicht einfach nur ein kleines bisschen Respekt. Putin dürstet es allein nach Unterwerfung.

Und dafür gibt es keinen Respekt, jedenfalls nicht von mir.

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