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Angriff auf die politische Bildung

Es gibt einen Grund mehr, froh zu sein über meine Pensionierung: das neue Fach Wirtschaft/Politik. Sozialwissenschaften (SW) sollen abgeschafft werden, erst in der Schule, dann auch in der Ausbildung, an der Universität. Warum? Weil sich Frau Gebauer ideologiefreien Unterricht wünscht. Und deshalb stutzt sie ein Fach aus ausschließlich ideologischen Gründen!

Was sich dahinter nämlich in Wirklichkeit verbirgt, ist ein Angriff auf die gesamte politische Bildung in NRW. Die ist die Zielscheibe ökonomischer, vor allem neoliberaler, sprich ideologischer Interessen geworden. Seit Jahren liegen die Wirtschaftsverbände der Politik in den Ohren, die Menschen verstünden zu wenig von Wirtschaft, und deshalb müsse ein neues Fach her. Jetzt waren sie erfolgreich. Doch schauen wir uns einmal an, was jetzt abgeschafft wurde und auch an den Unis, in der Lehrerbildung verschwinden soll.

Rein nominell bestand das Fach Sozialwissenschaften aus drei Teildisziplinen – Soziologie, Politische Wissenschaft und Ökonomie – wobei Letzteres zumal in der Oberstufe stets das größte Gewicht hatte, und zwar, von schulinternen Schwerpunktsetzungen abgesehen, aus einem simplen Grund: Es gibt kaum ein Thema in den Gesellschaftswissenschaften, das nicht ökonomische Aspekte enthält! (Das gilt auch für Geschichte und erst recht für Geografie.) Vielleicht hätte Frau Gebauer sich einmal den Lehrplan und die Abituranforderungen für das Fach Sozialwissenschaften ansehen sollen.

Ob ich über sich verändernde Familienstrukturen oder die moderne Arbeitswelt oder über den Gesetzgebungsprozess spreche, Ökonomie spielt immer eine Rolle. Das ist so evident, so banal, dass man sich schon dumm dabei vorkommt, das erst erwähnen zu müssen.

Das Besondere an diesem Fach ist eben genau dieser die Grenzen akademischer Fakultäten überschreitende Ansatz. Schülerinnen und Schüler (SuS) bekommen hier einen breiten Horizont, sie können ökonomische oder finanzpolitische Entscheidungen in größere Zusammenhänge einordnen, sie haben gelernt zu fragen, welche sozialen Auswirkungen politische Entscheidungen haben und wie Steuergesetze ökonomisch und sozialpolitisch zu bewerten sind, ihnen wird bewusst, wie wichtig es ist, zwischen der betriebswirtschaftlichen und der volkswirtschaftlichen Seite zu unterscheiden.

Aber sie lernen auch Nebelkerzen zu erkennen, ideologiekritisch zu analysieren und politische Entscheidungsprozesse zu durchschauen. Der hier zur Debatte stehende wäre ein hervorragendes Unterrichtsbeispiel dafür, wie Lobbyisten erfolgreicher Verbände partikulare Interessen unter dem Deckmantel des Allgemeinwohls durchsetzen.

Denn um die beschriebenen Lerneffekte geht es den Wirtschaftsverbänden ja gar nicht. Im Gegenteil. Es geht ihnen nicht um ökonomische Bildung, sondern um Verständnis für sie selbst. Hier sollen nicht verschiedene Theorieansätze kritisch verglichen werden, hier soll nicht gefragt werden, inwieweit die (ja durchaus legitimen) Profitinteressen eines einzelnen Unternehmens gesamtgesellschaftlichen Interessen widersprechen. Der Kenntnisstand, der da bemängelt wird, bezieht sich auf die Sorgen und Nöte von Unternehmen und Arbeitgebern. Man hätte gerne Arbeitnehmer, die wissen, dass sie in erster Linie ein Kostenfaktor sind, sie sollen verinnerlichen, dass sie „Humankapital“ sind, ohne auch einmal über diesen menschenverachtenden Euphemismus nachzudenken. Aktien sollen sie toll finden, nicht darüber nachdenken, wovon die unteren 50 % unserer Gesellschaft ihre Aktienpakete finanzieren sollen, oder welche Riesengewinne ein Kleinaktionär denn so nach 40 Jahren erwirtschaftet hat. Wachstumsideologie steht im Vordergrund, nicht das Nachdenken über Alternativen.

Das neue Fach heißt „Wirtschaft/Politik“. Das sagt alles. Erstens: schon die Reihenfolge zeigt, worauf es in erster Linie ankommt. Zweitens: Soziologie, Soziales ist obsolet. Wobei eines ja unbestreitbar richtig ist: Unser gesamtes Leben wird in allen Facetten von ökonomischen Verhältnissen beeinflusst, es ist der dominierende Faktor im Privaten wie in internationalen Beziehungen, in der Kultur wie im Umweltschutz. Insofern stimme ich völlig zu: Wir brauchen in der Tat ein viel breiteres Wissen über ökonomische Zusammenhänge, über betriebswirtschaftliche Prozesse wie über volkswirtschaftliche Erwägungen und globale Mechanismen.

Wenn es Frau Gebauer wirklich um breitere ökonomische Kenntnisse ginge, dann dürfte sie SW nicht abschaffen. Sie müsste es zum Pflichtfach machen.

Hier geht es zu einer Petition gegen die Abschaffung des Faches SW:

https://www.change.org/p/das-fach-sozialwissenschaften-darf-nicht-abgeschafft-werden-sowibleibt?

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Eine Antwort auf „Angriff auf die politische Bildung“

Wunderbare, treffende Analyse, lieber Wolfgang. Habe den Link gleich an die jüngeren SoWi-Kolleg*innen weitergeleitet.
Weiter so!!

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