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Cancel Cancel Culture

Vor einiger Zeit hatte ich meinen Unmut über die Auswüchse der Politischen Korrektheit geäußert (https://www.myview-wolfgangmebs.de/die-ajatollahs-der-kulturszene/). Ich habe den Eindruck, es wird immer schlimmer, immer absurder. Ob das noch eine sinnvolle Auseinandersetzung mit medialer und sprachlicher Diskriminierung und Herabwürdigung ist und wirklich dem Bewusstseinswandel dienlich ist, wage ich des Öfteren zu bezweifeln.

Pepe, das Stinktier, fliegt aus einem Zeichentrickfilm der Warner Brothers, Space Jam 2, weil er ein Vorbild für Vergewaltiger sei. Es handelt sich hierbei um eine altbekannte übergriffige Cartoonfigur, die jeder Frau nachstellt und so in chauvinistischeren Zeiten den lustigen (und erfolglosen) Aufreißer gab. So weit, so grenzwertig. In der nun nach medialen Protesten gestrichenen Szene küsst Pepe eine Bardame auf den Arm – und fängt dafür eine kräftige Ohrfeige. Im anschließenden Dialog wird klar: Die Dame hat bereits ein Kontaktverbot gegen den Lüstling erwirkt. Eine Szene mit Vorbildwirkung für Vergewaltiger? Die Schauspielerin, selbst Opfer sexueller Gewalt, war gegen die Entscheidung. Schließlich zeige die Szene doch das Fehlverhalten klar auf  – und wie man sich wehren könne. Da wird Aktionismus kontraproduktiv bis lächerlich. Ich bin mal auf die Cancel-Culture-gekürzte Fassung von Vom Winde verweht gespannt. Oder von Shakespeare’s Der Widerspenstigen Zähmung. Oder kommt das Stück gleich auf den Index? Zusammen mit Viel Lärm um Nichts, den Lustigen Weibern von Windsor, Macbeth und Othello?

Weit hergeholt? Stimmt. Aus den USA. Dort gibt es immer mehr Superkorrekte, die Shakespeare aus dem Klassenraum verbannen, schließlich war der Mann in ihren Augen Frauenfeind, Rassist und Antisemit. Claire Bruncke etwa, Lehrerin aus Washington, will “davon wegzukommen, die Sichtweise weißer, cisgender, heterosexueller Männer in den Mittelpunkt zu stellen”. Shakespeare zu streichen, war für ihre Schüler „bereichernd.” Oder Jeffrey Austin, Englisch-Fachbereichsleiter an einer High School in Michigan. Er ist überzeugt, man müsse die Ansicht, Shakespeares Werke seien “universell” wichtig, “hinterfragen und beachten, dass das ein sehr weißer Standpunkt ist”.1  Wirft das nicht die Frage auf, ob man noch irgendetwas von weißen Autoren lesen darf? In Michigan? In Alabama ja wohl erst recht nicht. Zudem: Ob dem Mann noch nicht aufgefallen ist, dass Shakespeare in allen Kulturen adaptiert wurde, dass seine Charaktere Menschen aller Kulturen etwas zu sagen hatten und haben, dass sich Menschen aller Kulturen in seinen Stücken wiederfinden? Europäer wie Asiaten, amerikanische wie brasilianische Ureinwohner, in Swahililand und im Township Theater. Alles weiße Hetero-Männer?

Was wollen diese Leute eigentlich? Den historischen Kontext, in dem AutorInnen gelebt haben, ausblenden und nachträglich den moralischen Stab über sie brechen, sie canceln, weil sie in puncto Identität und Gleichberechtigung noch nicht so weit waren wie viele Menschen nicht einmal heute? Solche Stücke und Romane und Gedichte verbieten? Oder umschreiben und an die gerade gültigen Normen anpassen? „Freunde und Freundinnen und Andersgeschlechtliche, Römer und Römerinnen und Andergeschlechtliche, Landsleute und Landsleutinnen*!?&()(Julius Cäsar). „Der Wunsch ist Vater und Mutter des Gedankens“ (Heinrich IV). Können wir Sätze wie “Als erstes lasst uns alle Anwälte töten!” (Heinrich VI) so stehen lassen? „Es ist was faul im Staate Dänemark“? Wieso Dänemark? Heute passt doch USA viel besser. Oder wahlweise Russland oder China, Polen oder Ungarn oder gar Deutschland, je nach Publikum.

Ein anderer Fall – im doppelten Wortsinn: Donald McNeil hat seinen Job bei der New York Times verloren. Nach 44 Jahren! Ein gewaltiger Shitstorm hat ihn hinweggefegt, weil er sich angeblich rassistisch geäußert hatte und die New York Times zu feige war, sich für ihren bis dahin hochgelobten Mitarbeiter einzusetzen. Erstens: Darf sich niemand mehr einen Fehler leisten in 44 Jahren, ohne dass ihn das das Lebenswerk kostet? Zweitens: Er hat etwas getan, das nur im Zustand völliger PC-Hysterie ein Fehler ist. Er hat das Wort „Nigger“ verwendet – allerdings nicht im Geringsten in diskriminierender und beleidigender Absicht, sondern in einem Kontext, in dem über diskriminierende und beleidigende Sprache geredet wurde, in dem McNeil die Wirkung rassistischer Wörter beschrieb! Er hat einfach einen Fakt benannt! Höchstminderheitlich erlaubt wäre „the N-Word“ gewesen. Demnach bin ich Antisemit, wenn ich zu SchülerInnen sage: „Millionen von Deutschen haben begeistert ‚Heil Hitler‘ gerufen“??? Oder muss ich schreiben „H… H…“? Und vom „H-H-Wort” sprechen, um einen Shitstorm und die nachträgliche Aberkennung meiner Pension zu vermeiden?

Mittlerweile wird ja von einigen Vertretern der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Weißen sogar komplett das Recht abgesprochen, sich zur Diskriminierung von Schwarzen auch nur zu äußern, weil ihnen die Erfahrung der Diskriminierung Schwarzer in den USA ja völlig fehle! Halten diese Schwarzen dann auch den Mund, wenn es um die Diskriminierung der Ureinwohner, der Native Americans geht? Müssen alle Männer den Mund halten in der „MeToo“ Debatte? Dürfen sich Deutsche nicht äußern zur Traumatisierung syrischer Kinder?

Diese Sicht kommt auch zum Tragen bei der Diskussion um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht The Hill We Climb, dass sie bei der Amtseinführung Bidens vorgetragen hat. Mit der Übersetzung ins Niederländische wurde zunächst die mit dem International Booker Prize ausgezeichnete Marieke Lucas Rijneveld beauftragt. Dagegen gab es massive Proteste. Das nachvollziehbarste Argument: sie hat keine Erfahrung als Übersetzerin. Der Hauptvorwurf aber ist, Frau Rijneveld habe keine Diskriminierungserfahrung. Der Verlag wird angegriffen, weil er keiner Schwarzen den Auftrag gegeben hat. Allenthalben wird bezweifelt, dass sich „eine weiße Übersetzerin tatsächlich in die Erfahrungswelt einer Schwarzen Autorin einfinden“ könne und „die sprachlichen Sensibilitäten zur Verfügung habe“, so z.B. die Übersetzerin Marion Kraft2.

Wie bitte? Ich würde mal behaupten, dass man, um Texte adäquat übersetzen zu können vor allem folgende Dinge benötigt: sprachliche Fähigkeiten, Empathievermögen, poetische Fantasie und kulturelles Hintergrundwissen. Natürlich sind ähnliche Erfahrungen für das Textverständnis und die Übertragung in eine andere Sprache hilfreich, aber keinesfalls eine notwendige Voraussetzung. Natürlich kann ich als Weißer nur nach-empfinden, wie sich Rassismus für einen Schwarzen, einen Mexikaner, einen Sioux anfühlt (übrigens alles höchst eigene, höchst spezifische Erfahrungen), aber ich kann es, wenn es authentisch beschrieben wird, in Worte einer anderen Sprache fassen, die dieses Empfinden wiedergeben – natürlich immer mit den konnotativen und sprachkulturellen Einschränkungen, die für jede Übersetzung gelten.

Wer so argumentiert, unterschätzt nicht nur die menschliche Fähigkeit zur Empathie (deren Voraussetzung ja übrigens auch nicht die vollständige Identifikation ist), sondern kommt auch in Teufels Küche. Der Roman über einen weißen, transsexuellen Einwanderer, der Opfer sexueller Gewalt in der Familie wird, darf dann auch nur von einem weißen, transsexuellen Einwanderer übersetzt werden, der Opfer familiärer sexueller Gewalt wurde! Michel Houellebecq dürfte nur von einem Mann mit derselben herablassenden Einstellung gegenüber Frauen und Muslimen übersetzt werden. Hitlers „Mein Kampf“ nur von einem Alt-Nazi. Und Shakespeare und Goethe und Moliere darf man(n!) gar nicht mehr übersetzen, denn es gibt ja keinen mehr, der damals gelebt hat und das wirklich mit der notwendigen Sensibilität wiedergeben kann.

Und überhaupt: Darf ich denn nach Meinung dieser derart an Abgrenzung, an Mikroidentitäten und mentaler und empathischer Verzwergung erpichten Kritiker noch über andere Menschen schreiben als über mich selbst? Muss ich meinen eigenen Roman einstampfen? Eine meiner Figuren ist ein Obdachloser, aber ich habe nie auf der Straße gelebt. Auch war ich nie ein introvertierter, pedantischer Einzelgänger, der sein mangelndes Selbstwertgefühl in detektivischen Gewaltfantasien zu kompensieren sucht. Ein erfolgloser Kunstmaler war ich auch nie. Habe aber trotzdem seine Wut auf die Welt beschrieben. Und was ja gar nicht geht: Ich bin ein Mann! Und erzähle von einer Frau, die sich selbst in ihrer Ehe verloren hat. Ich bin ein Mann und habe nie eine Abtreibung durchgemacht, wage es aber dennoch, die psychischen Nachwirkungen auf meine Figur darzustellen. Was für eine Anmaßung! Das muss gestrichen werden. Nur eine Frau kann authentisch über Frauen schreiben. Über Vergewaltigung aber bitte nur, wenn die Autorin selbst vergewaltigt wurde.

Übrigens, wo wir gerade dabei sind: Sind Sie sich sicher, dass eine weibliche Kommentatorin wirklich mit den richtigen Worten und der nötigen Sensibilität rüberbringen kann, was die meist männlichen Hörer und Seher tief in sich empfinden, wenn der Fußball rollt?

1      Zitiert in: https://www.stern.de/familie/kinder/usa–lehrer-wollen-shakespeare-aus-dem-lehrplan-streichen-30384814.html

2      Zitiert in: https://www.deutschlandfunkkultur.de/streit-um-amanda-gorman-uebersetzung-es-geht-nicht-um.2156.de.html?dram:article_id=493425

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