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Allgemein Der tägliche Wahnsinn

Corona – und dann? / 2

Momentan liest man in diversen Medien über positive Effekte der Corona-Krise auf unser Sozialleben, über Hilfsbereitschaft, Solidarität, den Schutzraum Familie und die wachsende Erkenntnis, wie wichtig unsere gesellschaftlichen Beziehungen sind. Manche glauben gar, dass die Menschen erst durch die erzwungene Kontaktsperre realisieren, wie reduziert doch letztlich die sozialen Netzwerke sind und ein neues, kritischeres, distanzierteres Verhältnis zu Internet, Chatroom und Smartphone entwickeln.

Durchaus möglich. Bei dem einen oder anderen mag die Wertschätzung direkter sozialer Kontakte wachsen. Der Mensch will ja oft genau das, was er gerade nicht kriegen kann. So manche Nachbarschaft mag ja näher zusammenwachsen, aber wehe hinter dir hustet einer!

Zum anderen, wer sagt, dass die Krise nicht doch die bereits vorhandenen Tendenzen verstärkt? Jetzt können alle Kinder und Jugendlichen genauso wie viele Erwachsene Serien gucken ohne Ende, sie können daddeln bis zum Tennisarm, ohne sich rechtfertigen zu müssen, und sich von Level zu Level schwingen, ohne lästige Unterbrechung für Hausaufgaben oder Büroarbeit. Ob die Menschen so einfach aus der verschärften Dauerberieselung zurückfinden?

Zudem: Gerade jetzt erweisen sich moderne Medien und die sozialen Netzwerke geradezu als Segen. Wir können alle weiterhin in Kontakt bleiben, ohne uns treffen zu müssen. Vielleicht bestätigt die jetzige Situation noch mehr Menschen darin, dass es vor dem heimischen Monitor immer noch am schönsten und vor allem sichersten ist, und wozu noch Oma und Opa besuchen, jetzt wo sie doch gerade skypen gelernt haben?

Und wie viele Familien werden die plötzliche permanente Nähe aushalten? Z.B. das dauernde Geplärr der Kinder, nicht nur ein Weilchen nach Feierabend. Der Kondomabsatz steigt, was in der Tat erfreulich ist, aber mal sehen, wie es wird, wenn das Urlaubsgefühl vorbei ist, wenn sich der Alltag unter erschwerten Bedingungen unsanft in den Vordergrund schiebt und das dauernde Aufeinanderhocken bisher eher unterschwellige Konflikte entfacht, wenn man feststellt, dass der Partner alles andere als krisensicher ist. Ich glaube, es ist nicht allzu gewagt, nach Corona wachsende Scheidungszahlen zu prognostizieren.

Außerdem sollten wir mal die weitere Entwicklung abwarten. Wie werden die Menschen reagieren, wenn es zu echten Engpässen kommt, und auch der letzte Reinlichkeitsfanatiker bemerkt, dass es Wichtigeres gibt als Toilettenpapier und Hakle Feucht. Bereits jetzt dreht der eine oder andere durch, weil er nur ein Paket Klorollen kaufen darf. Wie soll das werden, wenn aufgrund der Produktionsausfälle wirklich lebensnotwendige Artikel knapp werden? Werden die Bürger dann noch brav in der Schlange stehen, oder stürmen sie die Supermärkte, passen sie den Lieferwagen ab und greifen direkt auf der Ladefläche zu, oder überfallen sie gleich den LKW, bevor er den Supermarkt erreicht? Werden die Leute immer noch für andere die Waren kaufen, die sie selber benötigen? Die Irrationalität der Masse zeigt sich bereits jetzt an einem banalen Hygieneartikel. Wenn es ernst wird, sollte man eher nicht mit Solidarität und Miteinander rechnen. Schon allein deshalb darf der Produktionsstopp bei zentralen Gütern nicht zu lange dauern.

Und darüber hinaus? Vielleicht erleben wir, nun da jedem bewusst geworden ist, wie fragil unsere globalisierte Existenz ist, einen Boom kommunardischer Ideen und Projekte und Versuche die Globalisierung positiver im Sinne des Eine-Welt-Gedankens zu gestalten auf der einen, und eine My-home-is-my-castle-Bewegung und nationale Bunkermentalität auf der anderen Seite. Wie viele werden sich einem Kamikaze-Hedonismus hingeben und auf die Pauke hauen bis die Sintflut kommt? Wie viele werden in Spiritualität von Opus Dei bis Buddhismus ihr Heil suchen? Apokalyptiker, Verschwörungstheoretiker und Populisten werden versuchen ihr manipulatives Süppchen zu kochen. Hoffen wir, dass die Mehrheit eine andere Lektion gelernt hat: dass wir in ein tragfähiges lokales Netzwerk eingebunden sein müssen, und dass wir die existentiellen Bedrohungen der Menschheit nur mit globaler Solidarität und Verantwortung lösen können.

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