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Die geteilten Staaten von Amerika

Wie befürchtet, konnte man auf die amerikanischen Umfragen nichts geben (https://www.myview-wolfgangmebs.de/bange-erwartung/). Manchen in Europa mag überraschen, dass das Rennen so eng wurde (und immer noch ist), und dass tatsächlich so viele Menschen Trump wiedergewählt haben (Biden erhielt bisher gerade mal 2,5 % mehr Stimmen). Wenn man sich jedoch die Nachwahl-Umfragen ansieht, wird klar: hier waren nicht James Dean and friends am Werk. Nein, die wussten ganz genau, was sie tun. Man kann nur hoffen, dass sie nicht doch noch bekommen, was sie wollen.

Welche Eigenschaft war Trump-Wählern am wichtigsten? Der Präsident muss führen können! (Auch bei Biden-Anhängern steht dieser Punkt hoch im Kurs.) Nichts Neues also (https://www.myview-wolfgangmebs.de/the-times-they-are-a-changing/). Der Helden- und Führerkult in den USA ist ungebrochen. Sie lieben einfach den knallharten Kerl, den ungehobelten Draufgänger, der zwar keine Manieren hat, aber sich unbeeindruckt von anderen durchsetzt, wenn es sein muss mit den härtesten Bandagen. Er lügt, er beleidigt, er zerstört demokratische Institutionen. Ja, aber was für ein Kerl! Bei einer Nachbefragung äußerten 80 % der Trump-Wähler, dass die persönliche Integrität des Kandidaten für sie keine Rolle gespielt hat. Nach dem Motto: er ist zwar ein Arschloch, aber er ist ein patriotisches Arschloch und er geht uns voran, also laufen wir hinterher. Hauptsache er führt uns. Dann müssen wir nicht selber denken.

Und die wichtigsten Themen? Sein Corona-Management hat Trump jedenfalls nicht geschadet. Nur für zwischen 12 und 18 % (je nach Bundesstaat) der Trump-Wähler war das ein wahlentscheidendes Thema, wobei zwei Drittel von ihnen sogar der Meinung sind, er habe diesen Job gut gemacht). Selbst bei Biden-Wählern war das nicht entscheidend. Für Trump-Wähler war auch die Kriminalität ein zentrales Thema und für seine evangelikalen Anhänger die Abtreibung, für Biden-Wähler die Rassenfrage (aber das bekundeten überwiegend Wähler von Minderheiten). Alles andere, auch soziale Gerechtigkeit oder Umweltschutz, spielte eine klar untergeordnete Rolle. Da all diese Dinge lange bekannt sind, war auch damit zu rechnen, dass weder Trumps Regierungsstil, noch sein miserables Krisenmanagement die Wähler massenhaft Biden zutreiben würden. Mit 10 % Vorsprung konnte kein Realist rechnen. Ein paar ideologisch weniger Verblendete hätte man sich aber schon gewünscht.

Doch die Propagandamaschinerie von Fox-News und Weißem Haus hat ganze Arbeit geleistet. Das konnte jeder mal wieder bestaunen, der zwischen der Berichterstattung auf Fox und auf CNN hin und her wechselte. Z.B. als Trump sich wie befürchtet vorzeitig zum Sieger erklärte und von Wahlbetrug sprach, und gleich noch eins draufgesetzte mit der Forderung, mit dem Zählen der Stimmen aufzuhören. Man stelle sich vor, bei einem Football-Match liegt eine Mannschaft mit 20:21 zurück, und dann geht der Spielführer zum Gegner und sagt fünf Minuten vor Schluss: Also, wir erzielen sowieso noch einen touchdown, und deshalb haben wir gewonnen. Wir müssen das Spiel sofort abbrechen. CNN machte sofort durch Kommentare und Einblendungen deutlich, dass die Behauptungen sachlich falsch, undemokratisch und gesetzwidrig seien. Auf Fox hörte man Trump reden – und anschließend ein von Trump begeistertes Ehepaar, dass diese Forderung natürlich voll unterstützte. Alle Stimmen zählen? In einer Demokratie?? Wo gibt es denn sowas???

Für beide Wählergruppen stand die Wirtschaft weit oben, für Republikaner war es das wahlentscheidende Thema. Die Mehrheit der Amerikaner glaubt tatsächlich immer noch an Trumps ökonomische Kompetenz. Die Steuerreform hat viel Geld gekostet , das überwiegend in die Taschen der oberen Oberschicht geflossen ist, hat allenfalls die Börse gefreut und ansonsten lediglich ein Strohfeuer entfacht. Immer mehr Menschen brauchen drei prekäre Jobs (so viel zum Jobwunder). Die amerikanischen Arbeitslosenstatistiken sind mehr als fragwürdig. Die sozio-ökonomische Schere geht immer weiter auseinander. Doch davon berichten nur Medien, die nur eine Minderheit nutzt. Fox News ist der meistgesehene Sender. Die Masse glotzt und glaubt. Und wer unten steht, auch das eine amerikanische Muttermilchweisheit, ist ja eh selbst schuld.

Was diese Wahl ebenfalls drastisch bestätigt hat, ist die tiefe Spaltung des Landes. Auch bei den Wählern der Demokraten spielte die Persönlichkeit des Kandidaten nur eine untergeordnete Rolle (35 %). In beiden Lagern steht die Angst voreinander an erster Stelle. Es geht nicht um Personen, es geht ums Prinzip. Es geht nicht um die besten Lösungen, es geht um Ideologie. Hauptsache, es gewinnen nicht die anderen. Die Mauer zwischen den USA und Mexiko steht noch nicht, aber die zwischen den Lagern wird täglich befestigt. Wie sehr die Menschen in den USA in abgeschotteten Welten leben, wie sehr der Konformitätsdruck der eigenen Community sich auswirkt, das konnte man ununterbrochen in der Wahlnacht beobachten. In einzelnen Bundestaaten ging (und geht) es sehr knapp zu. In manchen, wie in Wyoming, hätte man sich das Wählen tatsächlich sparen können, weil dort auch ein republikanischer Cowboyhut Präsident geworden wäre. Das Gleiche gilt umso mehr im Kleinen. Die meisten Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken sind absolut eindeutig und oft extrem einseitig. Umkämpfte Bezirke sind selten, 60% und mehr für einen Kandidaten sind die Regel; 70-80 % absolut keine Ausnahme. (Groß-)städtisch = Biden, ländlich = Trump. In Atlanta z.B. gingen die Wahlkreise mit 2/3 der Stimmen an Biden, in den direkt angrenzenden ländlichen Wahlkreisen stimmten zu 60-75 % an Trump.

Offensichtlich leben Amerikaner nicht mehr nur, wie traditionell schon, in homogenen sozio-ökonomischen, sondern auch in politisch homogenen Milieus. Es gibt es eine klare demographische und geographische Segregation in den USA, die die dank Trump feindselige ideologische Trennung zusätzlich zementiert.

Bisher galt nach Wahlen immer der Grundsatz, dass der Präsident das amerikanische Volk nun wieder versöhnen, eine neue Einigkeit schaffen müsse. Trump hatte offen mit dieser Tradition gebrochen. Für alle nachfolgenden Präsidenten wird die Überwindung des tiefen Grabens quer durch Amerika zu einer Herkulesaufgabe. Schwindelt sich Trump doch noch ins Amt, ist damit für eine lange Zeit nicht mehr zu rechnen.

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