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Konstruktiv geht anders

Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, bekommt im Moment massenhaft Briefe aus der Industrie, warum gerade dieses Unternehmen einen Boykott russischen Gases nicht überleben würde und deshalb, sollte es zu Rationierungen kommen, davon ausgenommen werden müsse. So hält ein von ihm in einem Zeit-Interview leider nicht namentlich genanntes Unternehmen aus der Süßwarenbranche Schokokekse für systemrelevant!

Eines steht jedenfalls fest: Die Manager dieses Unternehmens sind es nicht.

Und wo ist der Whistleblower, der uns Konsumenten den Namen der Firma verrät? Dem spendiere ich einen Schokokeks täglich auf Lebenszeit.

Auch die Chemieindustrie entwirft in diesem Zusammenhang Horrorszenarien, um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Das verstand man in diesen Kreisen unter vorausschauender Unternehmensstrategie: Jahrelang gegen die viel zu teure Energiewende lobbyieren und sich selbst von der EEG-Umlage „entlasten“ lassen – jährlich sparen Chemieunternehmen dadurch zwischen 1,5 und 2 Mrd. € – und dann das Geld keineswegs in energiesparende Verfahren investieren (schließlich kauft das Klima keine Aktien), stattdessen vehement Nord-Stream 2 fordern und die Entwicklung in der Ukraine ignorieren.

Aber jetzt will man den Staat in Haftung nehmen und fordert, bevorzugt mit Gas beliefert zu werden und dazu den „Notfallplan Gas“ und eine entsprechende EU-Verordnung zu ändern. Die sehen nämlich vor, dass zuallererst die „besonders geschützten Kunden“ versorgt werden müssen, nämlich Privathaushalte, Fernwärmenetze und Krankenhäuser etc. In diese Liste möchte die Chemiebranche auch gerne aufgenommen werden. Wahrscheinlich ganz nach oben.

Energie sparen soll der Verbraucher. Muss er halt kürzer und kälter duschen. Mir scheint, da haben ein paar CEOs zu heiß gebadet.

Ähnlich auf der Höhe der Zeit ist Hendrik Wüst, der Mann, der leider Ministerpräsident in NRW bleiben will. Er meinte, twittern zu müssen, dass der Bund nun „zügig konkrete Maßnahmen ergreifen [muss], um die Potenziale unserer heimischen Landwirtschaft auszuschöpfen. Dass Teile der Bundesregierung lieber einen Veggieday machen, passt nicht in diese Zeit.“

Hungerkatastrophen in Ostafrika? Wo? Nein, wir müssen unsere Masttiere füttern, denn, da ist er sich mit Schröder einig, die Currywurst ist „der Kraftriegel des Facharbeiters“.

Aber halt, den armen Unterentwickelten hat er nicht vergessen, nein, nein. Um den kümmert sich doch die deutsche und europäische Agrarpolitik schon traditionell mit nicht zu überbietender Verve. Um die „Ernährungssicherheit [in Afrika] zu gewährleisten”, fordert er und weitere Unionspolitiker, die im Zusammenhang mit der EU-Umweltpolitik subventionierten Brachflächen zu nutzen. „Flächen nicht zu nutzen, obwohl in einigen Regionen der Welt viele Menschen sich die teurer werdenden Lebensmittel nicht mehr leisten können oder gar Hungersnöte drohen, ist eine ethische Bankrotterklärung“, so Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

Deutsche Brachflächen liegen deshalb brach, weil man dafür im Rahmen der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) Subventionen bekommt. Und, bauerndumm wie Landwirte sind, wählen sie dazu natürlich ihre produktivsten Böden aus? Übrigens betrifft das in Deutschland beeindruckende 3 (in Worten: drei) Prozent der Ackerfläche!

Ich fasse zusammen: Herr Wüst ist der Meinung, dass weiterhin 60 % der auf deutschen Äckern geernteten Feldfrüchte in Tiermägen landen sollen, und – man halte sich am Ährenstengel fest – dass eine Fläche von der Größe des Landkreises Rostock einen nennenswerten Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in Afrika leistet.

Ich glaube, Herr Wüst erntet die dicksten Kartoffeln im Land.

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