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Was ist hier los?

Was ist eigentlich los in Deutschland? Woher kommt diese plötzliche Begeisterung für Waffenlieferungen? Und die allumfassende Kritik an jedem, der nach 1989 an die Friedensdividende geglaubt hat?

Die mag sich ja 33 Jahre später als Illusion erweisen. Dreiunddreißig Jahre! Aber urplötzlich machen manche Leute eine 180-Grad-Kehrtwende, werfen ihren Pazifismus über Bord und prügeln auf jeden ein, der nicht Hurra, wir ziehen in den Krieg schreit. Wie sie alle Asche auf ihr Haupt streuen, weil sie mal an friedliche Koexistenz geglaubt haben, weil sie nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Sowjetdiktatur gehofft hatten, dass Ost und West friedlich miteinander oder wenigsten nebeneinander leben könnten.

Gestern noch galt ihnen ein Gegner von Nord Stream 2 als Kriegshetzer und Kalter Krieger und alle Fehler lagen ja schon immer offen auf dem Tisch, wenn man nicht so naiv gewesen wäre. Dabei gab es in all diesen Jahren Menschen, die gewarnt hatten vor der zu großen Abhängigkeit der Energieversorgung von einem einzigen Land, einem politisch unzuverlässigen zumal. Und es gab solche, die viel Unterstützung dafür fanden, weil sich Deutschland auf diese Weise billige Energie sicherte, statt den unbequemen und kurzfristig teureren Weg in die Erneuerbaren zu forcieren.

Es gab eben unterschiedliche Sichtweisen. Und es gab wie immer Optimisten und Pessimisten. Und die Standpunkte waren, das sollte man doch bitte auch noch mal festhalten, nicht in Gänze unsinnig oder naiv oder gar beides.

Das gleiche gilt für die politische Diskussion. Und die nimmt allmählich völlig irrationale Züge an. Nein, ich mag Scholz‘ Herummerkeln auch nicht, dieses Drumherumreden, um ja nichts Falsches zu sagen, dieses schwammige Lavieren. Aber wo man auch hinhört und welchen Kommentar man auch liest, es wird so getan, als gäbe es da gar nichts zu diskutieren, als gäbe es keine Gründe, vorsichtig zu sein. Die teilweise geradezu unverschämten Bemerkungen eines Herrn Melnyk, so sehr man die Lage der Ukraine nachvollziehen kann, und die Desavouierung des Bundespräsidenten werden mit Kotau geschluckt. Da steigert sich der gar nicht mehr so Grüne Herr Hofreiter sogar zu der Behauptung, wer jetzt nicht alles an Waffen heraushaue, was der Westen zu bieten hat, führe uns auf direktem Weg in den Dritten Weltkrieg.

Sind diejenigen, die befürchten, dass gerade ein jetzt tatsächlich in die Enge getriebener Diktator zur Methode der verbrannten Erde greift und alles in seinem eigenen Untergang mit sich reißt, hirnverbrannte Idioten? Ist diese Sicht wirklich so einfach vom Tisch zu wischen?

Vollends in der Tat wirklich hirnrissig wird es allerdings, wenn nun auch noch Willy Brandt für die heutige Entwicklung verantwortlich gemacht wird. Das muss man sich mal vorstellen. Jetzt werden die alten Kalte Kriegs Phrasen wieder ausgepackt und die SPD in Bausch und Bogen für ihre Entspannungspolitik verantwortlich gemacht, die doch einen ganz erheblichen Teil zum Fall der Mauer und dem Ende des alten Ost-West-Konflikts beigetragen hat. Ein Kommentator der Welt macht auch gleich die Friedensbewegung und die Gegner des Nachrüstungsbeschlusses für den heutigen Krieg mitverantwortlich.

Willy Brandt und die SPD und die Friedensbewegung hätten also schon in den 70ern und 80ern erkennen müssen, dass man „dem Russen“ einfach nicht trauen kann? Sie hätten schon damals, vor 40, 50 Jahren, erkennen müssen, dass Entspannungspolitik zu einer neo-völkischen Diktatur führt mit einem Mann an der Spitze, dem jedes Mittel recht ist, seine imperialistische Allmachtsfantasie zu verwirklichen?

Wenn Pazifismus und Entspannungspolitik, wenn der Versuch, mit anderen Ländern und Völkern zu kooperieren, statt sich waffenstarrend totzurüsten, lächerlich gemacht wird, wenn die Schlacht bis zur letzten Patrone wieder zur Ultima Ratio wird und die Hirne in steinzeitlicher Freund-Feind-Rhetorik erstarren, dann brauchen wir erst recht Menschen, die sich dem entgegenstellen, die eine rationale Diskussion fordern, statt großspurig zu verurteilen. Ja, und dann brauchen wir auch weiterhin diejenigen, die ihre pazifistische Überzeugung, so utopisch sie der Mehrheit momentan erscheinen mag, nicht aufgeben wollen.

Deutschland sei zu zögerlich, zu feige, Deutschland müsse Europa führen, tönt es aus Parteien, Feuilletons und Fernsehkommentaren. Warum eigentlich? Weil wir auch gerne Großmacht sein wollen und sei es im Krieg? Nun, vielleicht ist ja gerade dann ein Mann genau der Richtige an der Spitze unserer Regierung, der zurückhaltend agiert und der lieber dreimal nachdenkt, statt Schnellschüsse abzufeuern.

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4 Antworten auf „Was ist hier los?“

Genau das denke ich auch und finde immer mehr Leute, die diese Sichtweise teilen. Die “Tagesschau ” lässt mich in letzter Zeit heulend zurück, weil sie Aufrüstungsgegner etc. schon in der Anmoderation diskriminiert-sind das unsere freien demokratischen Medien? Nach Ihrer Sichtweise muss man schon suchen.Dabei denke ich, dass die Hälfte unsrer Bevölkerung den derzeitigen Aufrüstungshype nicht teilt.

Das ist momentan schwer zu beurteilen, aber man kann schon den Eindruck bekommen, dass diese Position langsam zur Minderheit wird.
Die “Tagesschau” ist ja nur eine kurze Zusammenfassung, aber eine ähnliche Beobachtung mache ich seit einiger Zeit in der “Aktuellen Stunde” des WDR, wo in den letzten Wochen immer wieder Experten zum Thema schwere Waffen etc. ausführlich interviewt werden. Merkwürdigerweise sehe ich da bisher immer nur Wissenschaftler und Militärs, die das befürworten und Scholz heftig kritisieren, aber niemanden, der, wie kürzlich bei Illner der Brigadegeneral a. D. Erich Vad eine andere Position vertritt. Aber vielleicht habe ich die ja auch verpasst, schließlich sehe ich nicht jede Sendung.

Ich meine es kürzlich schon in einem Kommentar geschrieben zu haben, aber es fällt mir auch hier wieder ein. Die meisten Leute gucken nicht viel weiter als 6 Monate in die Zukunft und reagieren nur auf die aktuelle Lage.
Das erklärt dann warum gefühlt, die laute Minderheit gestern noch für Abrüstung, und heute für Aufrüstung ist, warum Leute kürzlich noch bereit waren gegen Gas/Kohle und Atomstrom zu demonstrieren, jetzt auf einmal dann jede Möglichkeit heranziehen um irgendwie von Russland unabhängig zu sein.
Wenn aber die Lösung des aktuell größten Problem im direkten Gegensatz zur Lösung des größten Problems von letzter Woche steht, dann kommen wir nie weiter und können nur hoffen das irgendjemand in der Politik ein Quenchen mehr Weitblick hat.
Ich persönlich bleibe dabei, mehr Waffen um den Frieden zu erhalten war in den 80ern eine dumme Idee und ist es auch heute noch. Hilfsgüter immer gerne, aber Waffen in Kriegsgebiete schicken ist immer nur Öl aufs Feuer gießen.

Wie gesagt, es ist erschreckend festzustellen, wie schwer es momentan ist, dieser Einstellung noch Gehör zu verschaffen, geschweige denn Anerkennung. Schlimme Zeiten, in denen Pazifismus zum Schimpfwort wird. Mir sind Zeiten lieber, in denen es in Deutschland Millionen von Bundestrainern gibt statt Feldherren.

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