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Zerrissen

Wenn ich die Diskussionen der letzten Wochen betrachte, so stelle ich eine gewisse Hilflosigkeit bei allen Beteiligten fest. Eine Hilflosigkeit, die bei einigen dazu führt, scheinbar alternativlose Positionen einzunehmen und bei wenigen zu dem Eingeständnis nicht zu wissen, was jetzt die richtige Strategie ist.

Das liegt natürlich zu allererst daran, dass ein einzelner Mensch den entscheidenden Hebel in der Hand hält. Selbst wenn wir annehmen, dass es sich um eine kleine oligarchische Clique handelt, die über die weitere Entwicklung dieses Krieges entscheidet, so wird die Richtung, nach allem, was zu uns durchdringt, allein von Putin vorgegeben. Ein Mensch, über dessen psychische Verfassung viel spekuliert wird. Ein Mann, dem möglicherweise nicht mehr viel Zeit bleibt, seine persönlichen politischen Träume zu verwirklichen. Und niemand, auch alle noch so klugen und informierten Kommentatoren wissen nicht, was in Putin vorgeht, wie er auf Maßnahmen gegen Russland reagieren wird. Egal, was wir tun, es könnte sich als fatal falsch erweisen.

Setzen wir seinem Vernichtungsdrang (auch die Art der Kriegsführung zeigt meiner Meinung nach, dass eines der Ziele die Auslöschung der ukrainischen Identität und Kultur ist) und seinen so imperialistischen wie völkischen Träumen nichts entgegen, wird er hemmungslos weitermachen. Führende Militärs haben ja bereits Moldawien als nächstes Opfer im Visier. Deshalb muss Putin gestoppt werden, muss ihm klar werden, dass er diesen Krieg nie gewinnen wird. Und dazu braucht die Ukraine auch schwere Waffen.

Die Ukraine verteidigt sich gegen diesen Vernichtungskrieg und braucht dabei, das steht wohl außer Frage, humanitäre, logistische und militärische Hilfe. Aber es gibt Menschen, die eine Strategie für vernünftiger halten, die auf einen möglichst baldigen Waffenstillstand setzt, der die Zerstörung, das Leiden, das Morden beendet. Es gibt Menschen, die die nicht unberechtigte Sorge haben, dass eine Strategie, die allein auf schwere Waffen und auf einen vollständigen Sieg der Ukraine setzt, Putin in genau die aus seiner Sicht aussichtslose und unerträgliche Lage manövriert, auch das letzte Mittel, die Atombombe einzusetzen. Sie wollen die Eskalation des Größenwahns bis zum selbst gewählten Untergang, der alle mit sich reißt, verhindern.

Die Heftigkeit, mit der diese Position angegriffen wird, ist erschreckend. Feige, erbärmlich, schäbig, dumm, naiv, Sofa-Pazifismus, unethisch, mitleidslos usw. Man hält ihr mit einer Schärfe, die teilweise von Kriegsrhetorik geprägt ist, vor, Kriegsverbrechen und Vergewaltigungen hinzunehmen und von der Ukraine zu erwarten, sich willenlos zu unterwerfen. Was propagandistische Desinformation ist. Hilflosigkeit, die zur Verweigerung des Diskurses führt.

Und dann gibt es die, die zwischen diesen Positionen zerrissen sind, die die Notwendigkeit sehen, auch schwere Waffen zu liefern, die Putins Niederlage herbeisehnen, sich aber ebenso vor den schlimmstmöglichen Folgen fürchten und offen zugeben, dass sie nicht wissen, was sie tun würden, müssten sie diese Entscheidungen fällen. Die Mehrheit, so scheint es, träumt aber gerade von einem totalen Triumph der Ukraine, von einer Schmach für den Widerling, von der völligen Niederlage Putins, und sei es, dass der Krieg noch fünf oder zehn Jahre andauert. Von allen Seiten wird rhetorisch und militaristisch aufgerüstet. Zwischentöne will kaum noch einer hören.

Aber gerade in einer Situation wie jetzt tut Besonnenheit Not, nicht martialisches Auftrumpfen. Hilfe für die Ukraine, aber offene und ehrliche Diskussionen über das Wie statt selbstgewisse Beleidigungen derer, die nach anderen Auswegen suchen. Denn eines sollte niemand vergessen: Letztlich weiß keiner von uns, wie weit Putin und seine Clique bereit sind zu gehen. Keiner. Weder Militärexperten noch Journalisten oder Psychologen mit ihren Ferndiagnosen und auch nicht all die Feldherren der sozialen Netzwerke.

Die Gegner Putins sind nicht machtlos, das haben die letzten Wochen und der für Putin ernüchternde Verlauf des Krieges gezeigt. Aber diese Macht muss bedacht und rational eingesetzt werden. Nach meiner Einschätzung wurde sie das bisher im Großen und Ganzen auch, trotz der sich zuspitzenden Stimmung. Wir müssen den Respekt behalten voreinander und uns der Ungewissheit bewusst bleiben. Denn eines will gewiss niemand: hilflos der Eskalation zusehen.

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2 Antworten auf „Zerrissen“

“Und dann gibt es die, die zwischen diesen Positionen zerrissen sind, die die Notwendigkeit sehen, auch schwere Waffen zu liefern, die Putins Niederlage herbeisehnen, sich aber ebenso vor den schlimmstmöglichen Folgen fürchten und offen zugeben, dass sie nicht wissen, was sie tun würden, müssten sie diese Entscheidungen fällen.” Genau, die gibt es – und ich zähle mich dazu. Die von dir in dem Kommentar geforderte Besonnenheit würde helfen, in offenen und ehrlichen Diskussionen den eigenen Standpunkt neu zu bestimmen und vlt gemeinsam einen Ausweg zu finden. Möge also dein Kommentar von vielen gelesen werden.

Genauso fühle ich mich im Moment auch. Den Aufruf von Schwarzer etc. kann ich insgesamt gesehen genauso gut nachvollziehen wie den Gegenentwurf von Fücks et al. (in der neuen Zeit). Aber die Strategie, allein auf den totalen Sieg der Ukraine zu setzen, halte ich schon für falsch. Wenn überhaupt, könnte das Jahre dauern. Neben der massiven Gegenwehr gegen Putins Armee, müsste versucht werden, so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand zu kommen. Und schon sind wir wieder beim ursprünglichen Dilemma. Daran haben Putin und Lawrow und ihre Militärs zumindest jetzt keinerlei Interesse. Die lassen nicht mit sich verhandeln. Mal sehen, was am und nach dem 9.5. passiert, dem für Putin (und Russland) so bedeutsamen Tag.

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