Kategorien
Allgemein Artikel und Essays Der tägliche Wahnsinn Satire

Tierisch daneben

Na so was! Da sammle ich gerade Redewendungen mit Tieren für einen satirischen Text über die Auswüchse sprachlicher Korrektheit und für ein Plädoyer für das Ende herabwürdigender Bemerkungen über Tiere, da erfahre ich: die Tierrechtsorganisation PETA ist mir längst zuvor gekommen. Schon vor über einem Jahr, und ich habe nichts davon mitbekommen. Einen Unterschied gibt es allerdings: Die meinen das Ernst.

Ich bin mir sehr bewusst, dass Sprache unser Denken und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Wenn es um Menschen geht, sollten wir uns deshalb verbieten, von „jüdischer Hetze“ zu reden oder davon, dass etwas „getürkt“ sei. Dass Redewendungen mit Tierbezug unser Verhältnis zu Tieren prägen, halte ich allerdings für völlig überzogen.

Dazu PETA: „So, wie es inakzeptabel geworden ist, rassistische, homophobe oder behindertenfeindliche Sprache zu benutzen, werden auch Sätze verschwinden, die Grausamkeiten an Tieren verharmlosen und Menschen werden Tiere für das wertschätzen, was sie sind.“1

Nun, ich gebe es zu, es war mir bisher nicht bewusst, dass „da steppt der Bär“, „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ oder „mit dir hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen“ zu einer positiven Einstellung gegenüber Tiershows und Massentierhaltung führt. Ebenso wenig war mir klar, dass „du dummer Hund“, „vor die Hunde gehen“ oder „da liegt der Hund begraben“ für das schlechte Image und die mangelnde Fürsorge von Hunden verantwortlich sind. Ich muss schon sagen, das ist wirklich ein dicker Hund!

PETA: „Ähnlich unpassend und gewaltverherrlichend sind Redensarten wie „die Katze aus dem Sack lassen“ oder „die Katze im Sack kaufen“. Sofort spinnt sich in unserem Kopf das Bild einer wehrlosen Katze in einem Sack. Wo solche Phrasen in unserem Alltag gedankenlos verwendet werden, normalisieren sich Formen der Tierquälerei.”

Nein, das glaube ich diesmal nicht. Ich behaupte mal, ein für Tiere ziemlich positives Verhältnis zu ihnen zu haben, obwohl mir Flüche wie „Diese dumme Kuh“ und: „So ein Esel“ schon über die Lippen gekommen sind. Ich habe schon vom Elefanten im Porzellanladen gesprochen, ohne auf Elefanten als depperte Trampel herabzusehen. Ich habe Leuten geraten, kein Frosch zu sein, obwohl ich Frösche nicht mal für feige halte. Ich hätte bis gerade eben nicht mal erklären können, wie genau diese Metapher eigentlich zustande gekommen ist.

Nun haben sich die Leute bei PETA wirklich Gedanken gemacht. Sie haben auch gleich Alternativen vorgeschlagen. Für Engländer z.B. statt „to kill two birds with one stone” wegen der Assonanz: to feed two birds with one scone. Zwei Vögel mit Gebäck füttern??? Und das soll jetzt tiergerecht sein?!

Mit manchen Vorschlägen kann man sich auch schlicht lächerlich machen. So sollen wir doch statt mit jemandem ein Hühnchen zu rupfen zu haben, den Ausdruck „mit jemandem Weinblätter rollen“ verwenden. Weil das auch Zeit kostet und man dabei Streitigkeiten klären kann. Warum nicht Gummibärchen sortieren? Ach so. Da ist ja Gelatine drin. Oder ein Puzzle legen? Ah, ich hab‘s: Mit dir hab ich noch 10 Pfund Schwarzwurzeln zu schälen!

Für die Fliegen und die Klappe schlägt PETA vor: Zwei Erbsen auf eine Gabel laden. Super. Verstehen aber nur Briten, weil sie die Gabel falsch rum halten. Deutsche schaffen vier und mehr!

Nochmal PETA: „Wenn man jemandem rät, ‚den Stier bei den Hörnern zu packen‘, dann empfiehlt man, eine Aufgabe offensiv anzugehen und nicht davor zurückzuschrecken. Den gewaltsamen Umgang mit Tieren so lapidar in unsere Alltagssprache einzubauen, ist ethisch allerdings nicht vertretbar.“

Also aufgepasst, in Zukunft bitte laut PETA-Liste: „So furchtlos wie eine Kuhmutter“! Und was ist mit den Bullen? Sind die feige, oder was? Soll das insinuieren, Rinderväter machen sich einfach aus dem Staub?

Manche Vorschläge sind richtig putzig. „Wir schlagen vor, eine Situation zu beschreiben, an der Tiere – im Gegensatz zum steppenden Bären – tatsächlich Freude haben. Denn auch Tiere spielen gern: So könnte man etwa über einen Ort sagen, da wedelt der Hund mit seiner Rute.“ Echt jetzt? Wenn euch die Assoziationen so wichtig sind, findet ihr das jetzt nicht ein bisschen sexistisch?

„Warum nicht andere Situationen bemühen, in denen man überrascht wird, z. B. ‚die vegane Calzone aufschneiden‘? Und anstatt davor zu warnen, die Katze im Sack zu kaufen, könnte man mahnen, nicht ‚die Suppe in der Terrine zu kaufen‘ “. Anstelle von „Krokodilstränen“ sollte man von “speziesistischen Tränen“ sprechen. Allen Ernstes? Das geht einem ja auch sowas von locker über die Zunge und jeder weiß, was gemeint ist. Was ja der Vorteil von Redewendungen ist.

Da ich als sprachbewusster Mensch bekannt bin, möchte ich noch ein paar Vorschläge beisteuern. So würde ich gerne anmerken, dass „ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn“ gleich doppelt diskriminierend ist, gegenüber Hühnern und „optisch Herausgeforderten“ (politisch korrekt gesprochen).

Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt oder besser da wird ja die Möhre im Rohkostsalat verrückt? Da brat mir einer einen Storch? Nein. Da schäl mir doch einer ein Vollkornbrötchen! Von wegen ein schwarzes Schaf? Eine blaue Zucchini! Da lachen ja die Carnivoren. Der frühe Veganer erntet den Kohlrabi. Steaks vor die Vegetarier werfen. Wie ein Metzger in der Welpenstation.

Liebe PETA-Tierschützer: Sprache kann man nur in Ansätzen verordnen. Metaphern finden sich auf allen Ebenen und sind historisch entstanden, aus damaligen Gepflogenheiten heraus, die sich zum größten Teil längst geändert haben und nur noch in ihrer übertragenen Bedeutung verwendet werden. Mal sehen, wie viele eurer Vorschläge in hundert Jahren Standard geworden sind.

Übrigens, habt ihr euch schon die Frage gestellt, ob wir jetzt die gesamte Weltliteratur umschreiben müssen. Oder manche Bücher auf den Index setzen sollten? Wie Das Dschungelbuch z.B. (Diskriminierung von Schlangen), die meisten Fabeln und Märchen (damit Wölfe endlich wieder in Deutschlands Wäldern akzeptiert werden), Die Farm der Tiere (kein Wunder, dass auf der ganzen Welt so viele Schweine gefressen werden), Felidae? Und einige Filme natürlich auch. Tarantula, Frogs, Anacondas, Die Vögel, Der weiße Hai.

Wie gesagt, bei Menschen liegt sie Sache anders. Aber so allmählich wird es anscheinend Zeit, auch die Sprache selbst vor Diskriminierung zu schützen und sich gegen Metaphern-Bashing zu wehren. Sonst dürfen wir demnächst auch keine Tomaten auf den Augen oder eine weiche Birne haben und dumm wie Bohnenstroh sein dürfen wir schon mal gar nicht.

1 Alle Zitate auf: https://www.peta.de/themen/speziesismus-sprache/

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.