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Corona-Gewurschtel und kein Ende

Die Bundes- und Landesregierungen in Deutschland sind seit Wochen und Monaten damit beschäftigt, die anfängliche Bereitschaft der Mehrheit der Bevölkerung, sich mit harten Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie abzufinden, zu verspielen. Das ständige Hin und Her, das sich Überbieten bei Lockerungen und Ausnahmen, keinerlei Bereitschaft, Föderalismus ausnahmsweise mal Föderalismus sein zu lassen, ständig sich ändernde, widersprüchliche Regelungen und unsinnige Vorschläge, all das droht die Menschen zu zermürben. Als hätte man mit den Widrigkeiten nicht schon genug Stress – von Coronaleugnern und Verschwörungsmystikern ganz abgesehen.

Ich gebe zu, auch ich hatte eine Zeit lang etwas übrig für differenzierende Maßnahmen1, aber mittlerweile ist doch klar, dass die fehlende Konsequenz beim Kampf gegen Covid-19 allein einem hilft – dem Virus, das sich weiter rasant verbreiten und eifrig mutieren kann. Ich glaube, es ist Zeit, einen kurzen, aber (fast) vollständigen Lockdown ins Auge zu fassen, ja auch mit rigorosen Zwangsmaßnahmen und Ausgangssperren, die belohnt würden mit der wirklich effektiven Bekämpfung des Virus.

Stattdessen lese ich heute, dass ein Vorschlag der Göttinger Wissenschaftlerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation immer mehr Anhänger finde. Sie schlägt vor, eine Obergrenze einzuführen bei der Auslastung von Bussen und Bahnen, und zwar ein Drittel der maximalen Kapazität. Und wer kontrolliert das? Die Fahrer natürlich! Vielleicht sollte Frau Priesemann mal ein bisschen mehr Dynamik und Selbstorganisation entwickeln und sich in eine Straßenbahn setzen. So ein kompletter Unsinn kann doch wirklich nur von Leuten kommen, die offensichtlich schon lange nicht mehr, wenn überhaupt jemals, mit Bus und Bahn unterwegs waren und gleichzeitig auch nicht in der Lage oder nicht willens sind, sich mal ein paar Minuten mit praktischen Gedanken zu beschäftigen.

Man stelle sich das in der Straßenbahn in einer Großstadt wie Köln vor. Ja, glaubt Frau Priesemann allen Ernstes, die Pendler gucken erst in die Bahn, zählen mal schnell nach und sehen: ‚Oh, schon ein Drittel besetzt‘, und steigen dann nicht ein, obwohl sie dadurch zu spät zur Arbeit kommen? Nein, mitten im Berufsverkehr müsste der Fahrer, statt weiterzufahren, an jeder Haltestelle seine Kabine verlassen, die Waggons durchgehen und willkürlich einen Teil der Fahrgäste bitten wieder auszusteigen. Was die aber nicht tun. („Nein, nicht ich. Ich bin schon in Merheim eingestiegen.“ „Stimmt ja gar nicht, sie sind am Barbarossaplatz eingestiegen.“ „Verlassen Sie sofort den Wagen!“ „Pack mich nich‘ an, ey!!!“) Und dann? Dann läge zwei Wochen später die Hälfte der KVB-Belegschaft im Krankenhaus. Es sei denn, man beendet noch am selben Tag das Experiment, da der komplette ÖPNV zwei Stunden nach Einführung dieser Regelung stillstehen würde!

Bei der Deutschen Bahn oder Flix-Train mag das ja noch funktionieren über die Sitzplatzreservierung, und ein Zugbegleiter könnte die Bahnpolizei informieren, die am nächsten Bahnhof renitente Fahrgäste ohne Reservierung hinausexpediert. Aber schon bei der S-Bahn würde es schwierig. Sollen dann Pendler mit Monatskarte einen Sitzplatz reservieren? Jeden Tag?? Und wie lang sollen die Züge dann werden, damit alle reinpassen???

Da würde eine andere Idee helfen, auf die man nach langem Nachdenken in unseren Führungsetagen gekommen ist: es sollen mehr Busse eingesetzt werden. Na Wahnsinn. Da seid ihr jetzt schon drauf gekommen? Ganz alleine? Bei dem Tempo des Erkenntnisgewinns haben wir noch in 10 Jahren mit Corona zu kämpfen. Was die Regierungsdamen und -herren allerdings noch nicht bemerkt haben, ist, dass die öffentlichen Verkehrsbetriebe gar nicht über entsprechende Kapazitäten verfügen!

In diesem Zusammenhang möchte ich auf meinen eigenen Vorschlag zurückkommen2, schlicht und einfach die vor sich hin rostenden Busse der auftragslosen Reiseunternehmen anzumieten. Wer das endlich durchsetzt, würde zum Tapferen Schneiderlein des Corona-Zeitalters, so viele Fliegen würden mit einer Klappe geschlagen:

Die Busunternehmen hätten wieder Aufträge. Und müssten nicht stattdessen Querdenker von Demo zu Demo befördern, um zu überleben. Die Busunternehmen bräuchten weniger Finanzhilfen. Was auch die ohnehin überforderte Bürokratie entlasten würde. Diese Gelder könnten woanders sinnvoll eingesetzt werden. Die Fahrer hätten wieder Arbeit. Wodurch sich wiederum Kurzarbeitergeld einsparen ließe. Und die Bürokratie entlasten würde. Und wieder könnte Geld woanders eingesetzt werden.

Aber letztlich hieße auch das, nur am Problem herumzudoktern. Was wir stattdessen brauchen, ist eine radikale Reduzierung der Infektionsmöglichkeiten. Dazu müssten sofort alle Arbeitgeber gezwungen werden, wo immer es möglich ist, Home Office einzurichten. Das verweigern nach wie vor zu viele Unternehmen, und auch in der öffentlichen Verwaltung wäre da noch viel Luft. Nur etwas über 50 % arbeitet zu Hause – bei einem Potential von 80 % aller Arbeitsplätze!

Übrigens würde sich dadurch das Problem im ÖPNV fast von alleine lösen, und Kitas und Schulen wären ebenfalls entlastet.

Dringend notwendig ist auch, Frau Gebauer zum Trotz,  die generelle Einführung von Wechselunterricht an allen Schulen außer den Grundschulen.3

Und wir alle müssten uns darauf einlassen, Kontakte noch weiter einzuschränken und so wenig wie möglich da herumzurennen, wo es auch viele andere tun. Oder durch die Gegend zu reisen, um einen Hügel hinunter zu rodeln.

Zusätzlich müsste in einigen nicht systemrelevanten Bereichen die Produktion herunter gefahren oder stillgelegt werden. Langfristig dürfte es billiger werden, einmal für den Produktionsausfall Staatshilfen zu leisten, als alle zwei Monate neue Programme aufzulegen; und nach dem vierten oder fünften Teillockdown sind viele Betriebe dennoch pleite.

Wir müssten auch bereit sein mehr zu tun, um Infektionswege nachzuvollziehen, z.B. indem wir erlauben, dass die Corona-App endlich effektiv gestaltet wird. Wäre es wirklich so schlimm, wenn jemand kurzfristig feststellen könnte, dass man sich am 16.1.21 um 13.15 im XY-Park befunden hat? Deshalb steht weder Big Brother vor der Tür, noch bricht unsere Demokratie zusammen. So etwas nennt man Risikoabwägung, und in diesem Falle könnte ich mich mit einer zeitlich begrenzten Einschränkung meines Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung abfinden.

All das wäre auch leichter durchzusetzen und durchzustehen, wenn allen klar ist, dass radikal das Leben einschränkende Maßnahmen vier Wochen dauern, vielleicht auch sechs, dass dann aber die Infektionszahlen und die Auslastung der Intensivbetten entscheidend reduziert wurden, dass wir die wenigen verbliebenen Infektionswege leichter nachvollziehen können, dass wir die Effektivität der Impfaktionen (für alle, die es wollen) deutlich erhöhen können, dass echte Lockerungen wieder möglich sind und wir in dann tatsächlich absehbarer Zeit unseren Alltag wieder freier genießen können.

Zum Schluss noch eine ganz persönliche Anmerkung. Klar, ich möchte nicht verallgemeinern, und jemanden diskriminieren will ich selbstredend auch nicht. TROTZDEM: Ich hätte nichts dagegen, vorläufig auch das Joggen in öffentlichen Parks und auf Gehwegen zu verbieten, da es meiner täglichen Erfahrung nach zu viele Rücksichtslose unter Joggern gibt, die kuscheldicht an dir vorbeihoppeln und heftig atmend und teilweise gar prustend eine Aerosolwolke vor dir ausbreiten, vor der es kein Entrinnen gibt.

1 https://www.myview-wolfgangmebs.de/das-geht-zu-weit/

2 Ebd.

3 https://www.myview-wolfgangmebs.de/geh-bauer/

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2 Antworten auf „Corona-Gewurschtel und kein Ende“

Und das Virus würde fürderhin ob Deiner Ideen vor sich hin kichern ob der Schlupflöcher weiterhin…
Eine zeitlich begrenzte Einschränkung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung durch eine Corona-App? Glaubst Du im Ernst die würde wieder rückgängig gemacht? Und hast Du so viel Vertrauen in die Corona-App dass Du sie selber nutzt?

Die einzigen für mich in diesen Zusammenhängen glaubwürdigen Leute, sind die Leute vom CCC, und da die keine Bedenken gegen die derzeitige Corona-App haben, habe auch auch sie hochgeladen. Der Haken ist: in der Form ist sie zu wenig effektiv, was die Nachverfolgung der Infektionswege angeht. Auch hier gilt für mich, Nutzen und Risiken abzuwägen. Zum einen könnten die Zugriffsmöglichkeiten zeitlich begrenzt werden, die App wieder gelöscht werden. Zum anderen: wer glaubt, dass diejenigen, die einen Überwachungsstaat in Deutschland errichten wollen, dazu diese App benötigten, hat keine Ahnung von der Materie. Drittens gibt es eine Menge Leute, die sich vehement gegen die Corona-App wehren, es aber gleichzeitig toll finden, wenn ihr Smartphone ihnen bspw. mitteilt, dass es 100 m rechts ein tolles Eiscafé gibt. Dass das nur geht, weil sie getrackt werden, ist in diesem Fall kein Problem – manchen auch völlig neu.

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