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Allgemein Der tägliche Wahnsinn

Deutsche Fürsten

Es ist schon fast lustig: da leiden wir gerade alle unter einer globalen Bedrohung und in Deutschland kehren wir zurück in die Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts. Anstatt die Pandemie mit konzertierten Aktionen zu bekämpfen, was ja schon international viel zu wenig passiert, fängt jetzt sogar in Deutschland jedes Bundesland an, sich sein eigenen Süppchen einzubrocken. Da hantiert Bodo Ramelow mit Verschwörungstheoretiker-Vokabular und fabuliert vom Polizeistaat. Von Typen wie Ken Jepsen, Xavier Naidoo oder Attila Hildmann erwarte ich nicht, dass sie die geringste Vorstellung davon haben, wie es in einem echten Polizeistaat zugeht. Von Bodo Ramelow schon. Aber der stößt stattdessen in dasselbe Horn. Warum? Hofft er später mal auf Stimmen? Glaubt er wirklich, nur weil es in seinem Bundesland momentan gut aussieht, wir hätten alles überstanden? Wo man doch ohnehin überall feststellen muss, dass sich genau dieser Eindruck immer mehr verbreitet und selbst minimale Vorsichtsmaßnahmen missachtet werden? Ich kann es nur wiederholen: es geht hier nicht um das überall gebauchpinselte Ego. Es geht um Solidarität. Es geht nicht um Ich-will-Spaß, es geht um Ich-brauche-Schutz. Und den brauchen unsere Mitmenschen nach wie vor, insbesondere da wir erst allmählich mehr über das Virus wissen. Das Argument, dass es in Thüringen nur wenige Infektionen und Tote gibt, kann man nur mit Einschränkungen gelten lassen. Denn zum einen beruhen diese Zahlen gerade auf den fast überall eingehaltenen Maßnahmen. Zum anderen, wenn sich die Bevölkerung weiterhin in der großen Mehrheit so vernünftig verhalten soll wie bisher, dann geht das nur mit einer stringenten gesamtdeutschen Politik.

Spürbar wird das weniger in Ramelows Amtssitz in Erfurt, mitten in Thüringen. Aber in den Grenzregionen. Da fahren Pendler hin und her. Die sollen es dann demnächst nachvollziehen können, dass sie auf der Fahrt beispielsweise von Sonneberg/Thüringen nach Neustadt/Bayern mit nackten Gesicht in den Bus einsteigen dürfen, aber nach 4 km eine Maske aufsetzen müssen? Dass im Nachbardorf die Kirmes tobt und der Schützenverein feiert, während man selbst seine Angehörigen nur im Beisein der Kleinfamilie beerdigen darf? Das ist niemandem mehr zu vermitteln, sondern verstärkt das Gefühl, dass ja eh alles egal ist, und immer weniger Menschen werden Schutzmaßnahmen noch ernst nehmen. Aber die brauchen wir nach wie vor!

Oder hat sich Ramelow Schweden zum Vorbild genommen? Das ja gerade von Lockdown-Gegnern gerne erwähnt wird, um zu beweisen, dass es ja auch ohne Einschränkungen gehe. Erstens ist ja schon diese Behauptung falsch, denn ein paar Einschränkungen gibt es sehr wohl. Zweitens ist Schweden ein Flächenland mit nur wenigen urbanen Zentren, in denen die Ansteckungsgefahr wesentlich höher ist als in dünn besiedelten Regionen (nur 9 Städte haben mehr als 100.000 Einwohner; zum Vergleich: in Deutschland sind es 81; die drittgrößte Stadt, Malmö, hat nicht mal 300.000). Dennoch sind die Todeszahlen erschreckend hoch. Ich kann es jedenfalls nicht als Erfolg sehen, wenn ein Land, das nur ca. 12 % der Bevölkerung Deutschlands hat,  fast 50 % der Toten beklagen muss (Stand 27.5.: D: 8.498, S: 4.125).

Auf den weiteren Konkurrenzkampf um Touristen darf man gespannt sein.

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