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Antworten auf den Fragebogen von Max Frisch – Teil 6

Einleitung siehe: https://www.myview-wolfgangmebs.de/jahresendlich-besinnliches/

Frage 24:

Sind Sie schon einen Tag lang oder eine Stunde lang tatsächlich ohne Hoffnung gewesen, auch ohne die Hoffnung, dass alles einmal aufhört wenigstens für Sie?

Nie.

Erstens liebe ich das Leben viel zu sehr. Zweitens sehe ich all das Schöne in der Welt genauso deutlich wie das Hässliche. Drittens habe ich in meinem Leben viele negative Momente erlebt, war in vielen schwierigen oder gefährlichen Situationen – und hatte stets Glück im Unglück. Drei starke Argumente für die Hoffnung.

Frage 9: Können Sie ohne Hoffnung denken?

Wohl kaum. Denken ohne Hoffnung hieße ohne Hoffnung leben. Oder leben, ohne zu denken. Ich hoffe, also bin ich. Jedes bewusste Handeln, dem also ein Denkprozess vorausging, beruht auf dem Prinzip Hoffnung, nämlich, dass die entsprechende Handlung zum gewünschten Ergebnis führt, egal ob es alltägliche oder lebensverändernde Entscheidungen betrifft. Und selbst unbewusstes Handeln in Stress- oder Gefahrensituationen beruht auf Hoffnung bspw. körperlichem Schaden zu entgehen.

Jedes Gespräch, ja, jede Kommunikation überhaupt, bei der ja hoffentlich auch die grauen Zellen beteiligt sind, beruht auf der Hoffnung, verstanden zu werden, vielleicht etwas zu bewirken, wenn nicht sogar das Gegenüber zu überzeugen, zumindest aber wahrgenommen zu werden.

Anders sieht es aus bei einer Depression, wenn alles Denken negativ aufgeladen ist, bei Selbstmordgedanken, denen völlige Hoffnungslosigkeit zugrunde liegt. Es sei denn, man würde die Befreiung von aller irdischen Last als Hoffnung definieren. Oder man hofft, dass das mit dem Himmel wahr ist – und dass man da auch hinkommt. Oder auf irgendeine andere, sorgenfreie, unendlich glückselige Form der Existenz.

Frage 4: Wenn  eine private Hoffnung sich endlich erfüllt hat: wie lange finden Sie in der Regel, es sei eine richtige Hoffnung gewesen, d.h. dass deren Erfüllung so viel bedeutete, wie Sie jahrzehntelang gemeint haben?

Immer! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich von einer Erfüllung einmal endlos enttäuscht und frustriert gewesen wäre. Selbst wenn der dann eingetretene Zustand, wenn sich nicht alle damit verbundenen Träume und Vorstellungen als so beglückend oder wichtig erweisen, wie man sie imaginiert hat, war ja die Hoffnung selbst nicht falsch. Die Erfüllung mag man überschätzt haben, aber es bleibt das Glück eben dieser Erfüllung. Und hinterher ist man schlauer – und hofft von Neuem.

Als ich die Referendarzeit absolvierte und feststellte, dass das tatsächlich mein Traumberuf, meine Berufung war, war meine Hoffnung, trotz der düsteren Jobaussichten Lehrer zu werden. Sie hat sich auf Umwegen erfüllt. Und Jahr um Jahr als richtig bestätigt.

Ich war immer der Meinung, dass es im Leben auch eine zweite große Liebe geben kann und hoffte, sie zu finden. Und ich habe sie gefunden. Wie könnte diese Hoffnung jemals falsch gewesen sein?

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