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Hoffnung – Antworten auf den Fragebogen von Max Frisch – Teil 1

Eigentlich schreibe ich gerade an dem satirischen Jahresrückblick 2020. Und wie üblich fällt der Blick zurück negativ aus. Was ist dieses Jahr wieder alles passiert an Katastrophen, Verbrechen, politischem Versagen und Elend aller Art. Wo bleibt das Positive? Darüber lässt sich aber auch schlecht satirisch herziehen.

Verheerende Brände in Australien, Kalifornien und Brasilien, drittes Trockenjahr in Folge, Polschmelze. Brexit-Chaos, illiberale Demokratien, miese Charaktere in Regierungspositionen – Trump, Johnson, Putin, Assad, Bolsonaro, Netanjahu, Orban, Lukaschenko, Maduro, Duterte, um nur einige zu nennen. Minneapolis, Hanau, Paris. Soleimani, Nawalny, Fachrisadeh. Migranten in Moria, in Kühllastern, auf dem Grund des Mittelmeers. Hongkong, Berg-Karabach, Syrien. Scheuer ist immer noch Verkehrsminister, Tönnies darf weiter ausbeuten, Merz ist wieder da. Drohmails, Rechtsradikale in Bundeswehr, KSK und Polizei, Sondierung der Ost-CDU Richtung AfD. Und natürlich Corona, Sars-CoV-2, Covid-19.

Aber es gab auch Positives: der Elefant Kaavan darf in die Freiheit, eine private Organisation hat 103 Tonnen Plastik aus dem Pazifik gefischt, Trump wurde (vorläufig) abgewählt, und der homophobe ungarische Europaabgeordnete Jozsef Szajer wurde in Brüssel bei einer schwulen Sex-Party erwischt. Ach ja, und der BER wurde eröffnet.

Und nächstes Jahr? Impfen? Kamala Harris for President? Die AfD zerlegt sich vielleicht doch noch selbst? Dieter Nuhr beschließt nur noch zu fotografieren?

Da fällt mir zufällig der Fragebogen von Max Frisch zum Thema Hoffnung in die Hände. Ich beschließe auf sarkastische Bemerkungen und ironische Attacken zu verzichten und stattdessen besinnlich zu werden. Und in loser Folge zum Jahresende Max Frisch Fragen zu beantworten. Von wegen Weihnachten und Frohe Botschaft und Hoffnung für die Menschheit. Nächstes Jahr soll ja mal wieder alles besser werden.

Teil 1:

Frage 11: Was erfüllt Sie mit Hoffnung?

  1. die Natur?
  2. die Kunst?
  3. die Wissenschaft?
  4. die Geschichte der Menschheit?

Die NATUR ist geradezu eine Quelle der Hoffnung, denn ihr liegt das Prinzip des ewigen Kreislaufs zugrunde, des Entstehens und Vergehens, der Gewissheit, dass jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt, jedes Sterben zu neuem Leben führt, dass nichts sinnlos ist, sondern einem größeren Zweck dient.

Natur gibt Kraft zu leben! Zum einen, weil man erkennt, wie unwesentlich der Mensch ist. Wer sich intensiv auf Natur einlässt, der erkennt, dass dies alles ganz ohne den Menschen existieren kann und die meiste Zeit ohne ihn existiert hat. Man erlebt mit allen Sinnen das Wunder der Existenz in jeder Blüte, jedem Felsen, jedem Duft, jeder Farbnuance. Man lernt, sich nicht zu wichtig zu nehmen, sich selbst und seine Probleme. Ohne Naturvölker romantisieren zu wollen – ich selbst war von Naturreligionen vor allem Nordamerikas schon früh begeistert und habe näheren Kontakt mit Indianer gehabt, eine Zeit lang in einer indianischen Familie verbracht – die Vorstellung von „Mutter Erde“ führt nicht nur zu einem umweltfreundlicheren, demütigeren Verhalten. Es bedeutet auch, sich eingebunden zu fühlen, aufgehoben, und ist somit Grundlage jeder Hoffnung.

Zum anderen merke ich immer wieder die spirituelle Kraft der Natur. Es sind Erlebnisse, die tiefer gehen als ein Kino-, Konzert- oder Theaterbesuch, als das Treiben einer Großstadt, das bunte Gewusel der Menschen, dass ich auch schätze. Ich empfinde in natürlicher Umgebung ein Wohlsein, das viel tiefer geht, mich seelisch anrührt, mich mit Glückshormonen durchströmt und mich energetisch auflädt.

Ich habe viel Zeit in verschiedenen Gegenden der Welt in der Natur verbracht. Oft allein. Anfangs, weil ich nicht immer Freunde fand, die stundenlang laufen und so manche Strapaze auf sich nehmen wollten, wie auf Berge zu klettern oder bei 40 Grad durch die Steppe zu wandern. Später bewusst alleine, um mich wirklich voll und ganz auf die mich umgebende Natur zu konzentrieren. Diese Wanderungen waren eine Art mobiler Meditation, ob im Death Valley oder der Fränkischen Schweiz, in den Rocky Mountains oder den Tälern und Höhen des Bergischen Landes, ob auf dem Piton de la Fournaise oder in bayrischen Wäldern oder am Nordseestrand. Ich kam körperlich müde zurück, aber innerlich gestärkt, ja geheilt. Und wer seelische Kraft hat, hat auch Hoffnung.

Die KUNST? Natürlich. Sie schafft Hoffnung allein schon dadurch, dass sie mir Einblick in andere Welten eröffnet, in die Möglichkeit, dass alles auch anders sein könnte. Indem sie mich zum Denken anregt, mir auch Lehren erteilt, wobei Katharsis nicht unbedingt immer zu positiven Erkenntnissen führen muss.

Kunst kann den Verstand und das Herz und den Horizont öffnen. Sie kann einen aber auch niedergeschlagen zurücklassen, abhängig vom Inhalt, ihrem Schöpfer und dessen Intention. Aber auch wenn brutalste Realität in einem Kunstwerk dargestellt wird, wenn Elend, Verzweiflung und menschliche Abgründe dem Betrachter oder Leser entgegenschreien, so steckt darin doch das Fünkchen Hoffnung, dass es so ja nicht sein muss. Ob man solchen Gedanken nachgeht oder sich niedergeschlagen abwendet, das hängt allein vom Betrachter ab.

Mit der WISSENSCHAFT ist das so eine Sache. Natürlich kann sie Quell großer Hoffnungen sein, wenn man beispielsweise an die Lösung unserer Umweltprobleme oder die Heilung von Krankheiten denkt.

Leider lassen sich zahlreiche Beispiele anführen, die eher verzweifeln lassen an der Wissenschaft. So muss sie heute Probleme lösen, die sie mit den aus ihr erwachsenen Technologien selbst geschaffen hat, siehe Klimawandel. Und wie viel wissenschaftlicher Forscherdrang geht in die Erschaffung immer neuer Waffen, in immer neue Möglichkeiten, andere Menschen vom Leben in den Tod zu befördern? Bis hin zum Schreckensszenario der Zerstörung unseres Planeten. Da kann man schon mal Leute verstehen, die sagen, wir hätten gar nicht erst von den Bäumen herunterklettern sollen.

Und da ist die Wissenschaftsgläubigkeit und –blindheit. Immer wieder wird die zweite Seite der Medaille ausgeblendet, wird uns eine neue wissenschaftliche Erkenntnis, eine neue Technologie als die Rettung der Menschheit verkauft, wo doch in Wirklichkeit neue Gefahren entstehen. Das war bei der Atomenergie so, das ist bei der Gentechnologie und der Nanotechnologie so.

Hoffnung kann Wissenschaft nur machen, wenn sie nicht allein Sache der Wissenschaftler ist.

Am wenigsten Hoffnung kann man eigentlich aus der GESCHICHTE DER MENSCHHEIT ziehen, denn ohne in Kulturpessimismus zu verfallen, muss man doch sagen: diese Geschichte ist voller Lug und Betrug, Mord und Totschlag und Zerstörung. Und wenn man Yuval Noah Harari folgt, hatten die Menschen als Jäger und Sammler ein besseres Leben als die meisten heute. Sie wurden zwar nicht so alt wie wir, aber sie kamen mit drei bis sechs Stunden Jagen und Sammeln pro Tag aus, ernährten sich abwechslungsreich und kannten nicht mal Epidemien. Jedenfalls mussten sie sich nicht als Paketbote verdingen oder in Kobaltminen schuften. Darüber hinaus ist der Mensch die einzige Spezies, die nicht nur sich selbst umbringt, sondern auch noch systematisch ihr eigenes Habitat und damit die eigene Lebensgrundlage ruiniert. Intelligent nennt man ein solches Verhalten nicht.

Zumal keine wirklich ernst zu nehmenden Aussichten auf Besserung bestehen. (Darauf komme ich im Zusammenhang mit Frage 5 noch einmal zurück.) Natürlich wird es noch eine ganze Zeit weitergehen. Es wird gute und böse Menschen und Taten geben, wir werden neue Entdeckungen machen und Erkenntnisse gewinnen. Aber wahrscheinlich besteht die einzige Hoffnung für die Menschheit darin, dass die wenigen, die die z.T. ja jetzt schon nicht mehr abzuwendenden Katastrophen der nächsten Jahrzehnte überleben, die eine entscheidende Erkenntnis gewinnen und in Taten umsetzen, nämlich dass der Mensch ein kleiner, unwesentlicher Teil des großen Ganzen ist. Der Natur. Die ihn erschaffen hat. Die ihm Leben spendet und Kraft. Und Hoffnung.

P.S.: Was ich in Frischs Fragebogen vermisse, ist das, was uns doch immer wieder mit der schönsten, mit der tiefsten Hoffnung erfüllt: die LIEBE.

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