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Antworten auf den Fragebogen von Max Frisch – Teil 10

Einleitung siehe: https://www.myview-wolfgangmebs.de/jahresendlich-besinnliches/

Frage 15:

Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?

Das ist abhängig von der betroffenen Person. Ich habe solche Situationen schon mehrfach erlebt, z.B. während meines Zivildienstes auf der Urologischen Station eines Krankenhauses. Dort lagen immer Männer mit tödlichen Diagnosen. Einige wussten, dass sie das Krankenhaus nie mehr verlassen würden.

Manche Menschen klammern sich an das Leben und an die Hoffnung, doch noch zu genesen, durch eine wundersame Spontanheilung oder weil sich die Diagnose des Arztes als falsch herausstellt. Andere sehen dem baldigen Tod offen ins Auge und akzeptieren ihn, der eine aus Schicksalsergebenheit, der andere, weil er das Gefühl hat, dass sein Lebensweg jetzt an sein Ende gekommen ist und es nichts mehr gibt, was ihn in dieser Welt hält. Und es gibt die, die an den Himmel glauben und daran dort auch hinzukommen. Der eine versucht den nahen Tod zu ignorieren und nimmt einen Tag wie den anderen, der andere regelt die Letzten Dinge, versöhnt sich mit Angehörigen und Freunden, nimmt mit Gesprächen und Erinnerungen Abschied.

Menschen, die die Hoffnung auf Heilung und viele weitere Jahre hegen, würde ich diese Hoffnung niemals nehmen. Warum sollte ich ihre Angst verstärken oder die Chance, dass der Körper sich noch etwas länger wehrt und seinem Bewohner den einen oder anderen weiteren Tag schenkt? Aber ich habe auch Sterbende erlebt, die offen mit mir geredet haben, die mit mal großer, mal weniger großer Angst vor dem Tod über ihr Leben gesprochen haben. Solchen Menschen muss man auch nichts vormachen. Aber man kann sie in der Hoffnung bestärken, dass es noch nicht in der nächsten Stunde geschieht, nicht morgen oder nächste Woche. Man kann sie auch in der Hoffnung unterstützen, dass nach dem körperlichen Tod nicht alles vorbei ist, sondern ihre Seele aufsteigen und weiterleben wird. Und wenn mir ein 85-jähriger Mann erzählt, dass er sich darauf freut, bald seine vor ihm verstorbene Frau wiederzusehen, dann wäre ich ein rationales Monster, würde ich ihm etwas von dem Märchen Wiederauferstehung erzählen, das die Kirche jahrhundertelang dazu benutzt hat, die Menschen klein, genügsam und gehorsam zu halten. Dann bestärke ich ihn und höre mir eine Geschichte an von Liebe und Hoffnung.

Frage 16:

Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?

Dass man mir nichts vorzumachen versucht. Es wäre ohnehin überflüssig und unsinnig. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, weder an Himmel, noch an Hölle. Ich glaube, dass mit dem Tod in der Tat alles vorbei ist und wir deshalb all unsere Hoffnung auf unsere Lebenszeit setzen sollten. Hier und jetzt, auf Erden, sollten wir unsere Ziele zu erreichen suchen. Und wir sollten versuchen, so vielen Menschen wie möglich Gutes zu tun und so wenig Menschen wie möglich Leid zuzufügen.

Von Ärzten würde ich Ehrlichkeit und Offenheit erwarten. Keinen brutalen medizinisch-faktischen Vortrag, sondern ein empathisches Gespräch und eine Einschätzung, wie viel Zeit mir wohl noch bleiben wird. Ich möchte mich vorbereiten können, wenn mich der Tod schon nicht plötzlich und unerwartet ereilt. Und das erhoffe ich mir auch von denen, die mich in dieser letzten Lebenszeit begleiten. Ehrliche, offene Empathie. Reden über all das Schöne, das ich erlebt habe. Reden über die Dinge, die es noch zu regeln gibt.

Vor allem hoffe ich überhaupt in dieser Situation begleitet zu werden. Ich habe Menschen erlebt, die niemanden mehr hatten, der sich um sie kümmerte, der bei ihnen war, der sie in ihren Hoffnungen hätte bestärken können. Menschen, deren Freunde und Verwandte sich zurückzogen, weil sie mit der Situation nicht klar kamen, den Gesprächen ausweichen wollten, vielleicht aus Furcht vor dem eigenen Tod. Das wäre wahrhaft trost- und hoffnungslos.

Wobei das alles äußerst hypothetisch ist. Es sind Überlegungen erwachsen aus Beobachtungen und Nachdenken über das Thema Tod. Wie wir tatsächlich reagieren, wenn es so weit ist, wenn wir mit der endgültigen Diagnose konfrontiert werden, das wissen wir nicht. Denn es ist die existenziellste und die absolut einmalige Erfahrung unseres Lebens.

Frage 25:

Wenn Sie einen Toten sehen: welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

Die Antwort hängt nicht ab davon, ob die Hoffnung erfüllt wurde oder nicht, sondern von der Bedeutung, die sie für diesen Menschen hatte.

Die erfüllten Hoffnungen sind insofern nicht belanglos, als sie uns, wenn wir mit dem Tod konfrontiert werden, zufrieden zurückblicken lassen. Insbesondere, wenn wir sagen können, dass sich zwar nicht alle (was auf jeden von uns zutreffen dürfte), aber die für uns Wichtigsten erfüllt haben. Dann sind unerfüllte Hoffnungen belanglos. Sie können den Tod aber auch zu einer doppelten Qual werden lassen, weil man sich vorwirft, all diese Dinge nicht getan zu haben, die Ziele nicht konsequent genug verfolgt haben, zu viel Zeit mit Unwichtigerem verplempert zu haben.

Belanglos sind alle Hoffnungen, die nicht zu einem erfüllten Leben geführt haben. Wer entsprechend seiner Hoffnung zum Millionär wurde, aber nie wirkliche Zufriedenheit erlebt hat, keine wahre, von seinem Geld unabhängige Freundschaft, keine tiefe, innige immaterielle Liebe erfahren hat, dessen Hoffnung ist völlig belanglos. Die Erfüllung lässt ihn unglücklich zurück. Von paradoxer Sinnlosigkeit ist eine unerfüllte Hoffnung, der man eine alles überschattende Wichtigkeit beigemessen hat, der man ein Leben lang nachgejagt ist, um dann festzustellen, dass man darüber alles andere vernachlässigt hat. Dann wird schlagartig, was einst so bedeutungsvoll war, völlig belanglos.

Belanglos sind alle unsere Hoffnungen insofern nicht, als sie nach uns weiterleben können, in dem was wir geschaffen haben, in den Spuren, die wir in der Welt hinterlassen haben, oder weil unsere Freunde und Verwandten wissen, dass wir so manchen Traum erfüllen konnten. Ihre Bedeutung liegt in dem, was wir hinterlassen, weil wir ein Buch geschrieben, Bilder gemalt, Häuser und Brücken gebaut, Kranke geheilt, Menschen glücklich gemacht, auf ihrem Lebensweg begleitet und positiv beeinflusst haben. Und selbst die unerfüllten Hoffnungen leben vielleicht weiter, weil sie Vorbild sind, weil andere ihnen nacheifern und sie vollenden wollen.

Das war im Übrigen auch der Gedanke, der mir viel häufiger durch den Kopf ging, wenn ich Tote gewaschen oder in den Kühlraum gebracht habe: Ihre Hoffnungen spielten insofern eine Rolle, als ich mich fragte, ob sie ein glückliches Leben hatten. Nur bei wenigen konnte ich diese Frage beantworten. Meistens habe ich darüber nachgedacht, wann man sie vergessen haben wird, bzw. was von ihnen bleiben wird.

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