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2020 – ein Jahr zum Vergessen?

Nein, an dieses Jahr wird man sich nicht gerne erinnern. Das kann man wohl so kollektiv behaupten.

2020 – das ausgefallene Jahr.

Jetzt, im ersten Pensionsjahr, ständig Leute treffen, Kontakte intensivieren, in Restaurants, Kneipen und Biergärten sitzen – weitestgehend ausgefallen. Theater, Kino, Kabarett und Konzerte – weitestgehend ausgefallen. Mal hierhin, mal dahin reisen, vor allem mein 3-monatiger USA-Trip – alles Corona zum Opfer gefallen.

Alles Banalitäten verglichen mit bisher fast 1,8 Mio. Toten. Ohne all die Corona-Opfer, die unbemerkt blieben in Amerika, Brasilien oder Indien, in all den Slums und unter all den Obdachlosen des Planeten.

Positiv bleibt zu vermerken, dass weder ich noch jemand aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis Covid-19 zum Opfer gefallen ist.

Auch andere Opfer sind zu beklagen, wie der gesunde Menschenverstand vieler Verschwörungsmystiker, die Lebensgrundlage tausender freischaffender Künstler, Menschen, die in ihren letzten Stunden ihre Liebsten nicht bei sich wissen, und Menschen, die ihre Liebsten in ihren letzten Stunden nicht begleiten können, Menschen, die sich nicht begegnen, nicht zusammen sein können und Menschen, die zusammengepfercht sind, sich nicht mehr aus dem Weg gehen können, die Wut und den Frust von Männern und Eltern ausbaden müssen.

Positives gibt es zu verzeichnen bei Amazon, Nintendo und Delivery Hero, bei Microsoft, Apple und Facebook. Börsenkurse, Umsatz und Werbeeinnahmen steigen. Die Portemonnaies der Reichen und Superreichen sind noch praller, die Lebensgrundlage der Prekären noch dünner, die Schere hat sich weiter geöffnet, weltweit.

Positiv wurde vermerkt: ein neues Gemeinschaftsgefühl, Applaus für Pflege- und Supermarktpersonal, Nachbarschaftshilfe und neue Solidarität. Nicht alles hat lange gehalten. Nicht alle machen mit. Normal. Fatal.

Positiv ist ja an sich auch, alte Gewissheiten infrage zu stellen und Neues zu lernen. Und Bewährtes schätzen zu lernen oder sich daran zu erinnern. Dass es ein Leben nach dem Shoppingcenter gibt, z.B. Oder dass ein Spaziergang an der frischen Luft die Lebensgeister weckt. Dass man ohne gekaufte Gerätschaften spielen kann. Wie wichtig Freunde, Verwandte und Bekannte sind, nicht nur als digitale Existenzen.

Seltsam, wie Freiheit und Gesundheit plötzlich zu Antagonisten werden. Je rigoroser Länder die persönlichen Freiheiten beschnitten, umso effektiver haben sie Corona bekämpft, und das trifft nicht nur auf Diktaturen zu. China, Taiwan, Südkorea, Neuseeland. Hegen wir unsere Angst vor der Datenkrake oder ermöglichen wir die wirksame Verfolgung der Infektionsketten? Gilt uneingeschränkt das Demonstrationsrecht oder schützen wir die Gemeinschaft vor verblendeten Gefährdern? „Mein Gesicht gehört mir“ (Plakat auf Querdenker-Demo), 30 % halten ihre Quarantäne-Pflicht nicht ein, wenige, aber dennoch zu viele tragen keine Masken in Bahn, Bus und Einkaufsstraßen. Appell an Solidarität und Verantwortungsgefühl oder Hausarrest, Tracking-App und elektronische Fußfessel?

Wie lange gilt noch, dass jedes Leben schützenswert ist, oder müssen wir uns an Triage gewöhnen? Und hoffen, dass es uns nicht trifft. Fragen wir uns, wie es denen geht, die diese Entscheidung treffen müssen? Tun wir alles, um das zu verhindern?

Was lernen wir aus alledem über menschliches Miteinander, Individualisierung, humanistische Werte, über unser persönliches Leben und unseren eigenen Umgang mit Mitmenschen, über unsere eigene Freiheit und die des Anderen? Was lernen wir daraus über Globalisierung, Konsumwahn, Produktionsweisen und freie Märkte, über soziale und ökonomische Gerechtigkeit, über Gesundheitssysteme? Was über Sozialsysteme, Wahlen, Demokratie, unser eigenes Engagement?

Als gäbe es mit Umweltzerstörung, Gentechnik oder neuem, auch atomaren Wettrüsten nicht schon genug Probleme, die das Leben und Überleben des Menschen bedrohen, konfrontiert uns nun auch diese Pandemie mit wahrhaft existenziellen Fragen. Es gibt viel zu diskutieren im neuen Jahr.

Das Jahr 2020 sollten wir auf keinen Fall vergessen.

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2 Antworten auf „2020 – ein Jahr zum Vergessen?“

Tatsächlich, lieber Wolfgang, habe ich das Jahr genießen können. Nicht so ausgiebig wie sonst. Aber durchaus mit viel persönlicher Freude, viel Erleben und Sehen, Reisen in Deutschland mal anders. Lockdown gefüllt mit Lesen und der Aufgabe, auf jedem Spaziergang mit Hilde ein Bild mit zu bringen vom Wachstum der Natur. Ich glaube, diese Nahaufnahmen nennen sich Mikrobilder oder so ähnlich. Auf jeden Fall bin ich den Bienen ziemlich nah gekommen, was mir sonst nicht so leicht fällt. Ich habe mich fern gehalten von all den digitalen negativen Kommentaren und Nachrichten, bin aber trotzdem interessiert auf dem aktuellen Informationsstand geblieben. Was dann auch am Ende bedeutet hat, zu wissen, wo die Hotspots sind, damit ich da nicht hinein geräte. Tatsächlich war es kein verlorenes Jahr, für solche Albernheiten habe ich auch keine Zeit mehr. Und deshalb nehme ich das neue Jahr bewußt in meine Arme und freue mich an ihm. In diesem Sinne. Herzlichst willkommen. Peter

Wenn ich eine rein persönliche Bilanz gezogen hätte, gäbe es natürlich mehr Positives zu berichten (vor allem, dass ich endlich mit Ulla zusammenlebe, und dass mein erster Roman erschienen ist), aber mir ging es um mehr als Nabelschau. Meiner Meinung nach ziehen sich viel zu viele Menschen auf ihre Privatsphäre zurück und verlieren den Blick für das große Ganze. Das ganze Jahr über waren die diversen Medien voll mit persönlichem Gejammer. Die Entwicklung zeigt mal wieder wie hoch die Ansprüche der Menschen in unseren absolut privilegierten Gesellschaften geworden wird – und wie wenig belastungsfähig die Meisten geworden sind. Erst heute war wieder ein Artikel in der Zeitung über eine Familie, in dem der Tenor war, wie entsetzlich beschwerlich das letzte Jahr war, dauernd die Kinder zu Hause und home office und all der Stress, oh Gott, und die Läden geschlossen, und wie fix und fertig man sei und die Politiker natürlich wieder völlig unfähig etc. Jetzt mag ich mich anhören wie ein alter Sack, und ich bin ja tatsächlich aus dem letzten Jahrhundert, aber das soll jetzt wirklich so entsetzlich sein? Keine leichte Zeit, ja, und die vielen Toten sind entsetzlich, ja. Aber ein wirklich schweres Leben? Das hatten unsere Eltern und Großeltern und all die Generationen davor; das hat heute noch die große Mehrheit in Asien, Afrika Lateinamerika und die ganz unten in unseren Wohlstandsenklaven. Das ist das übliche Gejammere auf allerhöchstem Niveau. Ich will Spaß, und zwar immer und genau jetzt. Rücksicht? Solidarität? Klar, solange es einen nicht wirklich etwas kostet und nicht überbeansprucht – und das passiert wie gesagt schnell. Guck dir nur all die Idioten (sorry) an, die die Wintersportgebiete überrennen. Klar, lässt sich alles nachvollziehen und erklären – akzeptieren nicht. Bei solchen Leute wäre es heilsam, den Blick vom Spiegel weg und in die Welt zu richten. Da würde die persönliche Zwangslage schnell zu einem Problemchen.

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